Erfahrungen mit Psychiatrie und Psychotherapie

Meine Erfahrungen mit Psychotherapie bis 1998

Ich hatte eine furchtbare Kindheit, denn ich bin misshandelt worden. Die Folgen dieser Misshandlung sind Depressionen, Angstzustände, Suizidgedanken, Zwänge und Schlafstörungen. Ich bin auch sehr einsam, denn ich kann nach den schlimmen Erlebnissen in meiner Kindheit niemandem mehr vertrauen. Außerdem leide ich unter vielen körperlichen Beschwerden, wie z.B. Kopf- und Rückenschmerzen, Muskelschmerzen, Schwindel, Müdigkeit und Erschöpfung.

Ich leide seit dem 15. Lebensjahr unter schweren Depressionen, Panikattacken und Suizidgedanken. Doch erst im Alter von zwanzig Jahren wurde mir klar, warum es mir so schlecht ging. Zwischen dem 15. und 20. Lebensjahr habe ich die schrecklichen Erlebnisse in meiner Kindheit fast völlig verdrängt, weil es niemanden gab, mit dem ich darüber sprechen konnte. Als ich zwanzig Jahre alt war, las ich die Bücher von Alice Miller und konnte nun den Zusammenhang zwischen meiner schlimmen Kindheit und meinen Depressionen und Ängsten erkennen. Gleichzeitig wurde mir auch klar, dass ich dringend Hilfe brauchte und eine Psychotherapie machen musste.

Eigentlich sollte man annehmen, dass ein Mensch, der in seiner Kindheit so viel Schreckliches erlebt hat wie ich, in einer Therapie endlich über die Erlebnisse sprechen darf, an denen er fast erstickt und die ihn fast umbringen. Doch im Laufe der Jahre musste ich immer wieder feststellen, dass diese Annahme ein großer Irrtum war.

Als ich zwanzig Jahre alt war, hatte ich keine Ahnung, wie ich einen guten Therapeuten finden konnte und welche Methode für mich am besten geeignet wäre. Also ging ich zu Frau Dr. N., einer Psychiaterin, weil ich dachte, dass sie mir vielleicht einen Psychotherapeuten oder eine Psychotherapeutin empfehlen könnte.

Ich erzählte Frau Dr. N., dass ich als Kind misshandelt worden war und nun unter Depressionen leide. Dazu sagte sie merkwürdigerweise überhaupt nichts, sondern fragte mich, ob ich einen Freund hatte. "Nein", antwortete ich. Auch auf die Frage, ob ich schon einmal einen Freund gehabt hatte, antwortete ich mit "nein". "Das ist nicht normal!" sagte Frau N. Dann verschrieb sie mir eins von diesen Beruhigungsmitteln, von denen man abhängig wird, wenn man sie länger als sechs Wochen nimmt. Glücklicherweise habe ich das Medikament weggeworfen, nachdem ich gelesen hatte, welche Nebenwirkungen es hatte.

Kurz darauf ging ich zu meinem Hausarzt und sagte ihm, dass ich als Kind misshandelt worden war, unter Depressionen leide und deshalb eine Psychotherapie machen möchte. Er schickte mich zu Frau Dr. B., die Ärztin und Psychotherapeutin war. Sie war eine ältere, sehr religiöse Frau. Frau Dr. B. versuchte, mir zu erklären, dass ich deshalb so schlecht behandelt worden war, weil meine Eltern einen großen Fehler gemacht und nicht geheiratet hatten. "Sie sind das Produkt eines Irrtums!" sagte Frau Dr. B. zu mir. Dieser Satz traf mich wie ein Schlag ins Gesicht, denn ich habe damals noch sehr darunter gelitten, ein "uneheliches Kind" zu sein. Ich hatte sowieso schon immer das Gefühl gehabt, dass meine Geburt ein Fehler war und dass ich keine Existenzberechtigung hatte. Wahrscheinlich wollte Frau Dr. B. mir damit sagen, dass ich unter ungünstigen Bedingungen auf die Welt gekommen war und es deshalb als Kind so schwer hatte. Dann las sie mir ein Gebet vor, aus dem ich lernen sollte, dass man Dinge, die man sowieso nicht mehr ändern kann, akzeptieren und sich damit abfinden sollte. Mit anderen Worten: Ich sollte meine Kindheit vergessen. Frau Dr. B. glaubte, mir dabei helfen zu können, doch ich war so schockiert, weil sie mich "Produkt eines Irrtums" genannt hatte, dass ich dort nie mehr hingegangen bin.

Als nächstes ging ich zu Herrn B., einem Psychologen, und erzählte ihm von meiner Kindheit und meinen Depressionen. Auch er sagte kein Wort dazu, dass ich misshandelt worden war. Er reagierte vollkommen gleichgültig darauf. Herr B. erklärte mir, dass er Verhaltenstherapien durchführt und schilderte die Vorgehensweise. Ich weiß noch, dass ich hinterher dachte: "Genauso gut könnte ich Schauspielunterricht nehmen!" Es blieb also bei diesem Vorgespräch.

Nach diesen drei schlechten Erfahrungen wollte ich eine Zeitlang gar nichts mehr von Psychotherapie wissen, obwohl es mir sehr schlecht ging.

Als ich 23 Jahre alt war, spritzte mein Hausarzt mir einmal pro Woche "Imap". Das ist ein hochpotentes Neuroleptikum, das normalerweise bei Schizophrenie verordnet wird und sehr schlimme Nebenwirkungen hat. Außerdem wird man davon völlig apathisch. Ich habe mich wochenlang wie ein Roboter gefühlt. Irgendwann habe ich zum Glück beschlossen, den Hausarzt zu wechseln. Ich verstehe nicht, warum dieser Arzt mir ein hochpotentes Neuroleptikum gespritzt hat, denn ich habe nie unter Schizophrenie gelitten.

Als ich 24 Jahre alt war, konnte ich wegen Depressionen und psychosomatischer Beschwerden nicht mehr länger arbeiten. Deshalb kam ich in eine psychosomatische Klinik. Dort war ich zwei Monate und sprach einmal pro Woche mit einem Psychologen. Herr G. sagte nicht viel dazu, dass ich als Kind misshandelt worden war. Er schien es jedoch sehr schlimm zu finden, dass ich ohne Vater aufwachsen musste. Herr G. glaubte, dass es mir deshalb so schlecht ging, weil ich keinen Freund hatte und dass der Grund dafür meine Angst vor Männern sei. Und diese Angst sollte ich angeblich deshalb haben, weil ich ohne Vater aufgewachsen war. Diese Erkenntnis nützte mir nicht sehr viel, denn schließlich konnte ich nichts daran ändern, dass ich keinen Vater hatte. Außerdem hatte ich nicht nur Angst vor Männern, sondern vor allen Menschen, denn mit meiner Erzeugerin hatte ich ja auch nur schlechte Erfahrungen gemacht. Das Fehlen eines Vaters war mit Sicherheit nicht das einzige Problem, das ich als Kind hatte. Doch die schlechten Erfahrungen, die ich mit meiner Erzeugerin gemacht hatte, schienen Herrn G. nicht zu interessieren.

Der nächste Therapeut war Dr. O., ein Psychiater. Dr. O. versuchte, mir positives Denken beizubringen. Er las mir orientalische Märchen vor, die ich dann interpretieren musste. Er sprach auch von "halbvollen und halbleeren Gläsern". Das interessierte mich alles überhaupt nicht, weil ich völlig verzweifelt war. Nach ein paar Monaten brach ich die Therapie ab, denn Dr. O. sprach nie mit mir über meine Kindheit, und positiv denken konnte ich nun einmal nicht. Dazu war ich viel zu krank.

Eigentlich wollte ich keine Psychoanalyse machen, denn die Bücher von Alice Miller hatten mich davon überzeugt, dass die Psychoanalyse keine gute Methode ist. Doch dann sagte mir eine Psychologiestudentin, dass die Psychoanalytiker heute anders seien als früher. Deshalb vereinbarte ich einen Termin beim "Sigmund - Freud - Institut" in Frankfurt. Nach einem Beratungsgespräch bekam ich eine Adressenliste. Die Psychoanalytiker auf dieser Liste hatten sehr lange Wartezeiten. Ich ließ mich nicht auf eine Warteliste setzen, weil mehrere Ärzte mir davon abrieten. Ein Arzt sagte mir, eine Psychoanalyse sei "eine jahrelange Quälerei" und führe meistens zu nichts. Ich entschied mich also gegen eine Psychoanalyse, weil meine Ärzte mir davon abrieten und weil ich nicht monatelang auf einen Therapieplatz warten konnte. Es ging mir so schlecht, dass ich sofort Hilfe brauchte. Deshalb ging ich zu einer Beratungsstelle der Frankfurter Uni - Klinik. Dort bekam ich nach drei Gesprächen eine Liste mit Adressen von Ärzten, die eine Zusatzausbildung zum Psychotherapeuten gemacht hatten. Auf dieser Liste stand auch Dr. L., der eigentlich Internist war, aber trotzdem glaubte, seelisch kranke Menschen therapieren zu können. Er war der einzige, bei dem ich sofort eine Therapie anfangen konnte. Zu diesem Zeitpunkt war ich 25 Jahre alt.

Dr. L. hatte drei Kinder in meinem Alter. Er verhielt sich auch mir gegenüber wie ein Vater und versuchte, mich zu erziehen. In einer Stunde war er freundlich und lobte mich, indem er meine guten Eigenschaften aufzählte, und nur eine Woche später war er plötzlich unfreundlich und machte mir die heftigsten Vorwürfe. Einmal bezeichnete er mich sogar als "Schmarotzer", weil ich damals von Sozialhilfe lebte. Er sagte, er müsse für mich Steuern zahlen, weil ich zu faul sei, um zu arbeiten.

Dr. L. machte mir den Vorwurf, dass ich ihm nicht vertraute. Das war eigentlich kein Wunder, denn er erschien mir alles andere als vertrauenswürdig. Es kam oft vor, dass er in einer Stunde sehr freundlich war und in der nächsten Stunde plötzlich unfreundlich und provozierend. Heute glaube ich, dass er mich provozieren wollte. Damals dachte ich oft, er könnte mich nicht leiden. Dr. L. versuchte auf diese Weise mein Verhalten zu ändern, doch er erreichte nur, dass es mir immer schlechter ging.

Damals war ich total von einem anderen Arzt abhängig, der während eines Klinikaufenthaltes mit mir geflirtet und sich auch nach dem Klinikaufenthalt völlig falsch verhalten hatte. Wegen dieses Arztes war ich sehr verzweifelt und hatte oft Suizidgedanken. Ich hätte dringend Hilfe gebraucht, doch ich erzählte Dr. L., der mich als "Schmarotzer" bezeichnet hatte, nichts davon, weil ich ihm nicht vertrauen konnte.

Auch in meiner Kindheit gab es keinen einzigen Menschen, zu dem ich Vertrauen hatte und dem ich von meinen schlimmen Problemen erzählen konnte. Ich hatte mein ganzes Leben lang das Gefühl, dass zwischen mir und anderen Menschen eine riesige, unüberwindbare Mauer ist. Gerade deshalb wäre es so wichtig für mich gewesen, in einer Therapie zu lernen, jemandem zu vertrauen und über Probleme zu sprechen, die mich quälen. Jede Therapie, in der ich mich unverstanden fühlte, weil meine schlimme Kindheit völlig ignoriert wurde, bewirkte nur, dass ich noch misstrauischer und verschlossener wurde.

Dr. L. lud mich ein, am 24. Dezember mit ihm und seiner Familie Weihnachten zu feiern, denn er wusste, dass ich sonst allein in meiner Wohnung wäre. Er hatte außer mir noch zwei ältere Patientinnen eingeladen, die Witwen waren und keine Verwandten hatten. Für mich war es sehr schlimm, dabei zusehen zu müssen, wie sehr Dr. L. und seine Frau sich darüber freuten, dass ihre drei erwachsenen Kinder an Weihnachten nach Hause kamen, denn ich hatte ja keine Eltern, die sich über meinen Besuch gefreut hätten. Die drei Kinder bekamen teure Geschenke, und sie wurden von ihren Eltern gelobt, weil sie eine Ausbildung machten bzw. studierten. Die zwei älteren Frauen waren sehr beeindruckt von den Leistungen der drei Kinder und fingen auch noch an, sie zu loben. Das war sehr schlimm für mich, denn in meiner Kindheit bin ich nie gelobt worden.

Um 23 Uhr fuhr Dr. L. die zwei älteren Frauen und mich nach Hause. Als ich wieder in meiner Wohnung war, ging es mir sehr schlecht, und ich war nah dran, vom 12. Stock des Hochhauses, in dem ich damals wohnte, herunterzuspringen.

Ich finde, es ist eine unglaubliche Gedankenlosigkeit, einem einsamen Menschen ein paar Stunden lang ein glückliches Familienleben vorzuführen, wenn man genau weiß, dass er hinterher wieder zurück in seine leere Wohnung muss, die ihm dann noch leerer vorkommt. Ganz abgesehen davon verletzt ein Psychotherapeut die Abstinenzregel, wenn er einen Patienten oder eine Patientin zu sich nach Hause einlädt. Aber davon hatte ich damals nicht die geringste Ahnung. Ich wusste überhaupt nicht, wie ein guter Therapeut sich verhalten sollte, denn ich hatte keinerlei Vergleichsmöglichkeiten. Aber ich hatte immer wieder das ungute Gefühl, dass diese Art von Therapie mir unmöglich helfen kann. Als ich meinem Psychiater von meinen Zweifeln bezüglich dieser Therapie erzählte, sagte dieser, dass ich Geduld haben müsse und dass eine Psychotherapie nicht so schnell helfen könne.

Einmal sagte Dr. L., er habe das Gefühl, ein trotziges Kind im Kinderwagen vor sich herzuschieben. Er erklärte mir, ich sei auf dem Entwicklungsstand eines dreijährigen Kindes stehengeblieben. "Sitzengeblieben!" fügte er hinzu und sah mich herausfordernd an. Er sagte, dass ich nun endlich erwachsen werden muss. Ich antwortete, dass ich das gern tun werde, wenn er mir den Knopf zeigt, auf den ich drücken muss, damit das geschieht.

Dr. L. versuchte mir einzureden, dass ich heiraten und Kinder kriegen muss, denn das sei der Sinn des Lebens einer Frau. Ich fragte ihn, wie ich denn heiraten und Kinder kriegen soll, wenn ich doch auf dem Entwicklungsstand eines dreijährigen Kindes stehengeblieben bin. Dann bat ich Dr. L., mir zu erklären, wie ich es verantworten kann, ein Kind in die Welt zu setzen, wenn ich das Leben und überhaupt die ganze Welt als entsetzlich empfinde. Ich sagte, dass ich all die Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten, die es auf der Welt gibt, nicht mehr ertragen kann und dass ich deshalb niemals ein Kind in die Welt setzen würde. Denn dieses Kind müsste dann ja genau wie ich unter diesen Ungerechtigkeiten und Grausamkeiten leiden. Ich fügte noch hinzu, dass ich schon allein deshalb kein Kind bekommen würde, weil ich unter schweren Depressionen leide und weil es nicht gut für ein Kind sein kann, eine depressive Mutter zu haben. Dazu sagte Dr. L. nur, dass meine Depressionen ganz von selbst verschwinden würden, wenn ich ein Kind bekäme, weil ich dann ja eine sinnvolle Aufgabe hätte. Das konnte ich nicht glauben und sagte, dass ich auf keinen Fall ein Kind in die Welt setzen würde. Dr. L. erwiderte, dass ich dann arbeiten gehen soll, wenn ich nicht heiraten möchte und keine Kinder haben will. Da ich aber nicht arbeiten konnte, drohte Dr. L. mir, die Therapie zu beenden, falls ich nicht das tue, was er sagt.

Nachdem Dr. L. mich eineinhalb Jahre mit seiner "Therapie" gequält hatte, statt mir zu helfen, erzählte ich einer Bekannten, die Psychologie studierte, von dieser Therapie. Sie war entsetzt und gab mir den Rat, die Therapie sofort abzubrechen.

Der nächste Therapeut war ein Psychiater. Bei Dr. M. machte ich eineinhalb Jahre eine Verhaltenstherapie. Danach war ich noch ein halbes Jahr bei ihm in Behandlung. Während ich bei Dr. L. und Dr. M. in Behandlung war, hatte ich oft furchtbare Panikattacken und Suizidgedanken. Ich war fast ununterbrochen verzweifelt. Trotzdem merkten beide Ärzte nicht, dass ihre Methode nicht für mich geeignet war und dass eine Stunde pro Woche für einen Patienten mit so schweren Depressionen nicht ausreichte.

Ich habe Dr. L. und Dr. M. erzählt, dass ich unter Zwängen leide und meine Finger- und Fußnägel so kurz schneide, bis sie anfangen zu bluten. Ich habe auch erzählt, dass ich kein Glas, kein Porzellan und kein Besteck in meiner Wohnung ertragen kann, weil meine Erzeugerin in meiner Kindheit mit Kochtöpfen, Geschirr und Besteck nach mir geworfen hat. Tassen und Teller sind bei mir aus Plastik. Ich habe keine Gabeln, keine Messer, keine Kochtöpfe und keine Schüsseln. Deshalb kann ich seit meinem 18. Geburtstag nichts Gesundes essen. Ich kann es nicht ertragen, ein Messer in meiner Wohnung zu haben. Deshalb kann ich kein Brot oder Gemüse schneiden oder ein Brot mit Butter bestreichen. Ich kann nur essen, was ich nicht schneiden und zubereiten muss, wie z.B. Müsli, Kekse, Joghurt, Bananen, Äpfel und Süßigkeiten.

Ich habe Dr. L. und Dr. M. von all diesen Zwängen erzählt und auch davon, dass ich kein Messer besaß und mich deshalb sehr ungesund ernährte. Dr. L. und Dr. M. sahen mich erstaunt an und sagten, dass das schlimm sei, doch sie unternahmen nichts, um mir zu helfen, diese Zwänge wieder loszuwerden.

Einmal erzählte ich Dr. M. von dieser furchtbaren Panik, die ich oft habe. Und ich sagte ihm, dass ich dann das Gefühl habe, verrückt zu werden oder gleich sterben zu müssen. Ich fragte, ob es passieren könnte, dass ich eines Tages tatsächlich verrückt werde. Dr. M. beruhigte mich und sagte, dass er das nicht glaubte, doch er erklärte mir nicht, was ich gegen diese Angst tun könnte oder welche Ursache sie hatte.

Als ich wieder einmal völlig verzweifelt war, sagte ich, dass ich am liebsten eine Mutter hätte, bei der ich auf dem Schoß sitzen darf und die mich im Arm hält und tröstet. Dr. M. erkannte nicht, was für ein unendlich großes Defizit an Geborgenheit, Schutz und Trost ich hatte. Das konnte er auch gar nicht erkennen, denn genau wie Dr. O. und Dr. L. weigerte er sich, mit mir über die Kindheit zu sprechen. Alle drei Ärzte sagten mir sinngemäß das gleiche: Die Kindheit sei vorbei, und man könne sowieso nichts mehr rückgängig machen. Also sei es sinnlos, darüber zu sprechen.

Dr. M. wollte mir bewusst machen, wie lächerlich mein Wunsch war, eine Mutter zu haben. Er gab mir folgende Hausaufgabe: Ich sollte etwas auf eine Kassette aufnehmen und es mir dann mehrmals anhören, bis ich begreife, wie lächerlich es ist. Dr. M. veränderte seine Stimme so, dass sie wie eine Kinderstimme klang und sprach mir vor, was ich zu Hause auf eine Kassette aufnehmen sollte: "Ich bin die kleine Sylvie! Ich will bei meiner Mama auf dem Schoß sitzen! Ich will meinen Schnuller haben! Ich will an der Brust trinken!" Dass ich einen Schnuller haben oder an der Brust trinken wollte, hatte ich nicht gesagt. Das hatte Dr. M. sich ausgedacht, um mir damit klarzumachen, wie lächerlich mein Wunsch war, eine Mutter zu haben, bei der ich auf dem Schoß sitzen durfte. Das wäre gar nicht notwendig gewesen, denn ich fand diesen Wunsch ja selbst lächerlich. Trotzdem verschwand diese unendlich große Sehnsucht nach einer Mutter nicht.

Dr. M. versuchte, mich mit logisch klingenden Argumenten davon zu überzeugen, dass ich mein Verhalten ändern musste, wenn ich gesund werden wollte. Er sagte, dass es ihm auch schlecht ginge, wenn er keine Arbeit, keine Familie, keine Freunde und keine Hobbys hätte und immer allein in seiner Wohnung wäre. Er erklärte mir, dass es nicht die Erlebnisse in meiner Kindheit seien, die mich krank machten, sondern die heutigen Lebensumstände. Er zeichnete einen Kreis, teilte ihn in vier Teile und schrieb darauf die Wörter "Arbeit", "Familie", "Freunde" und "Hobbys". Dann sagte er, dass das Leben eines Menschen aus diesen vier Teilen bestehen sollte und dass jeder Teil gleich wichtig sei. Das klang alles sehr überzeugend. Ich glaubte, ich müsste nur meine Lebensumstände ändern, und dann ginge es mir automatisch gut. In den folgenden Monaten stolperte ich in unendliche Schwierigkeiten hinein, weil ich versuchte, meine Lebensumstände zu ändern. Dadurch ging es mir dann noch schlechter als vorher.

Damals habe ich mich leider sehr davon beeinflussen lassen, wenn ein Arzt, der wesentlich älter war als ich, mir erklärte, warum er es nicht für sinnvoll hielt, über die Kindheit zu sprechen. Es ist eigentlich kein Wunder, dass ich immer wieder geglaubt habe, was die Ärzte mir einredeten, denn ich hatte es als Kind nie gelernt, meine Gefühle ernstzunehmen, meine Meinung zu vertreten und jemandem zu widersprechen.

Da es mir nach der Therapie bei Dr. M. immer noch sehr schlecht ging, meldete meine Hausärztin mich bei einer psychosomatischen Klinik in Prien an. Ich musste zu einem Vorgespräch fahren, was sehr anstrengend für mich war. Es ging mir damals seelisch und körperlich ganz extrem schlecht. Ich war völlig erschöpft und hatte furchtbare Rücken- und Muskelschmerzen. Trotzdem fuhr ich nach Prien und saß stundenlang mit meinen schlimmen Rückenschmerzen im Zug. Ich glaubte, dass mir nun endlich geholfen würde, denn meine Hausärztin hatte gesagt, dass diese Klinik sehr gut sei.

Ich sprach eine Stunde mit dem Oberarzt der Klinik. Ich erzählte ihm, dass ich als Kind misshandelt worden war und deshalb seit dem 15. Lebensjahr unter schweren Depressionen litt. Darauf reagierte der Arzt so gleichgültig, dass ich nichts mehr über meine Kindheit sagte. Der Arzt stellte mir einige Fragen über mein gegenwärtiges Leben. Dann erklärte er mir, dass er es nicht für sinnvoll hielt, dass ich in diese Klinik komme. Er sagte, ich sei dort überfordert, und auch die Ärzte und Therapeuten seien mit mir überfordert. Erst wenn ich aufhören würde, auf eine Wiedergutmachung für meine Kindheit zu hoffen und dazu bereit sei, die Verantwortung für mein Leben zu übernehmen, könne ich in die Klinik kommen. Das konnte ich nicht verstehen, denn wenn ich dazu fähig wäre, die Verantwortung für mein Leben zu übernehmen, bräuchte ich doch keine Klinik mehr. Völlig unverständlich war auch, dass ein Arzt einen kranken Menschen auf Kosten der Krankenkasse durch halb Deutschland fahren ließ, um ihm dann mitzuteilen, dass er für diese Klinik ungeeignet sei. Das hätte man auch schriftlich oder telefonisch klären können.

Nach diesem Gespräch mit dem Oberarzt war ich fix und fertig, und alles erschien mir völlig hoffnungslos. Ich musste in Prien in einem kalten Hotelzimmer übernachten und fror die ganze Nacht. Ich war sehr verzweifelt und hatte wieder Suizidgedanken. Am nächsten Tag fuhr ich nach Hause und musste noch einmal acht Stunden im Zug sitzen, obwohl ich schlimme Schmerzen hatte und längeres Sitzen für mich eine Qual ist.

Ein paar Monate nach dem Vorgespräch in Prien empfahl mir ein Arzt eine Kollegin, die Ärztin und Psychoanalytikerin war. Ich vereinbarte also ein Vorgespräch mit Frau L. Sie erklärte mir, dass sie die Psychoanalyse nicht mehr anwendet, weil sie nichts mehr davon hält. Sie sagte, dass sie nun mit einer Methode arbeitet, die "Clearing" heißt. Sie erklärte mir ungefähr, wie das funktionierte. Ich konnte mir nicht sehr viel darunter vorstellen, aber ich war froh darüber, endlich eine Therapeutin gefunden zu haben, die dazu bereit war, mit mir über meine Kindheit zu sprechen. Doch Frau L. sprach nicht nur mit mir über meine Kindheit, sondern immer häufiger auch über Esoterik. Sie sprach von merkwürdigen Dingen, wie z.B. von "bösen Geistern" und "Lichtwesen". Einmal gab sie mir einen langen Vortrag von einem Amerikaner namens Andrew Terker zum Lesen, der dieses Clearing entwickelt hatte. Er beschrieb darin u.a., wie er mit Hilfe des Clearings herausfindet, was seine Patienten in ihrem früheren Leben erlebt haben. Ein Patient konnte z.B. während des Clearings sehen, dass er schon einmal im Mittelalter gelebt hatte und damals auf eine grausame Art und Weise hingerichtet wurde: Er wurde gevierteilt... Ich wunderte mich sehr darüber, dass ein intelligenter Mensch wie Frau L. so etwas glauben konnte. Als Andrew Terker nach Deutschland kam, besuchte Frau L. ein Seminar, das von ihm geleitet wurde. Danach erzählte sie mir eine Stunde lang begeistert von diesem Seminar und einem Clearing, das Andrew Terker mit ihr gemacht hatte. Sie erzählte auch von ihrem Leben im frühen Mittelalter und von dem Mann, mit dem sie damals verheiratet war, und merkte nicht, dass mich das gar nicht interessierte. Nach ungefähr zehn Stunden habe ich diese Therapie abgebrochen.

Danach folgte ein Klinikaufenthalt von dreieinhalb Monaten, der viel mehr schadete als nützte. Ich verließ die Klinik in einem schlimmen Zustand. In den folgenden Wochen ging es mir miserabel, und ich suchte wieder verzweifelt nach einem guten Therapeuten. Drei Ärzte, die ich anrief, hatten eine Wartezeit von mehreren Monaten. Eine Ärztin und ein Arzt gaben mir einen Termin für ein Vorgespräch. Der Arzt sagte mir bei dem Vorgespräch, dass er nichts davon hielt, über die Kindheit zu sprechen. Das gleiche sagte mir auch die Ärztin, bei der ich ein paar Tage später ein Vorgespräch hatte. Ich wunderte mich darüber, dass Frau Z. nicht über die Kindheit sprechen wollte, denn meine Hausärztin hatte mir gesagt, dass sie "tiefenpsychologisch" arbeitete. Nachdem ich Frau Z. kurz von meiner Kindheit erzählt hatte, sagte sie, es sei ein Skandal, dass mir damals niemand geholfen habe, als ich ein Kind war. Sie sagte, die Nachbarn hätten meine Mutter anzeigen müssen, und dann wäre ich zu Pflegeeltern gekommen. Sie war der Meinung, dass man mir damals noch hätte helfen können, aber dass es jetzt zu spät sei. Frau Z. hielt meine Depressionen, meine Angst vor anderen Menschen und auch mein Misstrauen für eine unveränderbare Tatsache. Sie sagte, dass ich nicht damit rechnen sollte, dass sich jetzt noch etwas an meinem seelischen Zustand ändern ließe. Man sollte vielmehr versuchen, diesen Zustand so erträglich wie möglich zu machen. Frau Z. glaubte, dass meine Krankheit leichter zu ertragen wäre, wenn ich arbeiten würde und eine sinnvolle Aufgabe hätte.

Es war mir ein Rätsel, wie Frau Z. zu der Überzeugung kam, dass man einen völlig unerträglichen Zustand durch eine sinnvolle Beschäftigung erträglicher machen könnte. Auf so eine Idee kann nur ein Mensch kommen, der noch nie in seinem Leben wirklich einsam war. Ich habe zwischen dem 18. und 24. Lebensjahr gearbeitet, und während dieser Zeit habe ich mein Leben trotzdem als unerträglich empfunden, weil ich so entsetzlich einsam war und weil ich diese furchtbaren Panikattacken hatte. Es war eine sinnvolle Aufgabe, im Kindergarten zu arbeiten, doch ich war in dieser Zeit trotzdem magersüchtig und völlig verzweifelt, weil ich ganz allein auf der Welt war. Auch Gespräche mit Kollegen haben niemals bewirkt, dass ich mich weniger einsam gefühlt habe, denn Kollegen können keine Familie ersetzen.

Da ich aus den schlechten Erfahrungen mit meinen früheren Therapeuten gelernt hatte, wusste ich, dass es völlig sinnlos war, eine Therapie bei Frau Z. zu machen. Sie war nicht die richtige Therapeutin für mich.

Das nächste Vorgespräch hatte ich bei einer Ärztin, die ehrlich war und sich korrekt verhielt. Nachdem ich ihr erzählt hatte, dass ich in der Kindheit misshandelt worden war und seit dem 15. Lebensjahr unter schweren Depressionen litt, erklärte sie mir, dass sie nicht die richtige Ausbildung habe, um mir helfen zu können. Sie gab mir den Rat, eine Psychoanalyse zu machen. Also vereinbarte ich einen Termin bei einer Psychoanalytikerin. In der ersten und zweiten Stunde erzählte ich dieser Psychoanalytikerin von meiner Kindheit und meinen bisherigen Therapien. Seitdem sprach Frau S. immer wieder spöttisch von meiner "langen Beschwerdeliste", und es klang so, als wären meine Beschwerden völlig aus der Luft gegriffen. Ich hatte das Gefühl, maßlos zu übertreiben. Frau S. sagte, dass meine Mutter nicht ständig böse gewesen sein kann. Und sie war davon überzeugt, dass nicht alle bisherigen Therapeuten schlecht gewesen sein können. Ich hatte Frau S. in den ersten zwei Stunden nur einen kleinen Bruchteil der schlimmen Ereignisse in meinem Leben erzählt. Sie wusste also noch fast gar nichts von mir. Trotzdem war sie davon überzeugt, dass ich fürchterlich übertrieben habe.

Als Frau S. wieder einmal von meiner "langen Beschwerdeliste" sprach und alles verharmlosen wollte, was ich ihr erzählt hatte, sah ich sie nur an und sagte nichts. Frau S. wollte wissen, was ich dachte und ob ich mich über das, was sie gerade gesagt hatte, ärgerte. "Nein, ich ärgere mich nicht", antwortete ich. "Ich bin es gewohnt, dass mir niemand glaubt und dass ich nicht ernstgenommen werde."

Nach dem vierten Termin bei Frau S. war mir klar, dass ich bei ihr keine Psychoanalyse machen wollte.

Ich habe nicht nur jahrelang ambulante Therapien gemacht, sondern war auch in vier psychosomatischen Kliniken und einmal in der Psychiatrie. All diese Therapien haben viel mehr geschadet als geholfen. Ich hatte nie das Gefühl, verstanden und ernstgenommen zu werden. Mein Anliegen, über meine Kindheit zu sprechen, wurde mir jedesmal bereits in der ersten Stunde ausgeredet. Mein Wunsch zu sterben und nicht mehr in einer Welt leben zu müssen, in der ich nicht verstanden werde, wurde von Jahr zu Jahr größer.

Unerträglich war auch, dass einige Ärzte mir unterstellten, gar nicht wirklich krank, sondern nur zu faul zum Arbeiten zu sein, so wie Dr. L., der mich als "Schmarotzer" bezeichnet hatte. Ein Psychiater, der mich überhaupt nicht kannte und noch fast nichts von mir wusste, fragte mich während des ersten Gesprächs: "Wollen Sie eigentlich gesund werden?" "Ja, natürlich!" antwortete ich. Der Psychiater sprach von "Krankheitsgewinn" und behauptete, es habe auch Vorteile, dass ich krank sei, denn ich müsse ja nicht arbeiten gehen. Ich war darüber so entsetzt, dass ich nie wieder zu diesem Psychiater gegangen bin.

Die Ärzte und Therapeuten hielten es nicht für notwendig, mit mir über meine Panikattacken, meine Zwänge oder meine Ess - Störungen zu sprechen. Vielleicht dachten sie, dass diese Symptome ganz von selbst verschwinden, wenn ich lerne, mich richtig zu verhalten. Und genau darum ging es in all diesen Therapien: Ich sollte dazu gebracht werden, mich richtig zu verhalten. Die Frage, warum ich mich falsch verhalte und mich auch gar nicht anders verhalten kann, wurde niemals gestellt.

Die Tatsache, dass ich als Kind furchtbar gequält worden bin, wurde von allen Ärzten und Therapeuten ignoriert. Dass ich Depressionen habe, liegt angeblich nur daran, dass ich nicht arbeite und nicht genug Kontakt mit anderen Menschen habe. Es geht mir also nur deshalb so schlecht, weil ich mich falsch verhalte. Kein Arzt kam jemals auf die Idee, dass der Rückzug in meine Wohnung und das Vermeiden von Kontakt mit anderen Menschen einen wichtigen Grund haben könnte: Es ist ein Schutz vor noch mehr Enttäuschungen und Qualen. Jede Enttäuschung bringt mich fast um, weil jedesmal die alten Wunden aus der Kindheit wieder aufgerissen werden.

Bevor ein Therapeut einen Patienten dazu auffordert, seine schützende Wohnung zu verlassen, um arbeiten zu gehen oder sich in der Freizeit mit anderen Menschen zu treffen, müsste er eigentlich zuerst dafür sorgen, dass der Patient dazu fähig ist, diesen Schritt zu tun. Dazu gehört ein stabiles Selbstbewusstsein und die Fähigkeit, sich zu wehren. Dazu gehört auch der Mut, nein zu sagen, weil man sonst ständig von anderen Menschen ausgenutzt wird. All diese Fähigkeiten habe ich niemals gehabt und bin deshalb immer wieder in große Schwierigkeiten geraten.

Ich halte Kindesmisshandlung für ein schweres Verbrechen. Doch in den letzten zehn Jahren habe ich mich nicht wie das Opfer eines Verbrechens gefühlt, sondern wie eine Verbrecherin, die resozialisiert werden muss. Die Psychotherapie war für mich keine Hilfe, sondern eine Qual, denn ich habe mich genauso gefühlt wie als Kind: Unverstanden und völlig alleingelassen mit meiner Verzweiflung.

Eine Psychologin und Mitarbeiterin einer deutschen Frauenzeitschrift las vor kurzem diesen Bericht über meine Therapie - Erfahrungen und schrieb mir daraufhin folgendes:

"Wenn ich lese, wie unfähig und inkompetent die verschiedenen Therapeuten mit Ihnen umgegangen sind, werde ich richtig zornig. Ihre Beschreibung deckt sich mit dem, was ich in meiner Praxis leider viel zu häufig höre: Frauen in seelischer Not werden mit Medikamenten ruhiggestellt. Ihre begründeten Ängste werden lächerlich gemacht, ihre Hilflosigkeit und Sehnsucht nach Zuwendung für das eigene Ego ausgenutzt."

Meine Erfahrungen mit Psychiatrie und Psychotherapie von 1998 bis 2009

Von 1998 bis 2007 war ich oft in psychosomatischen und psychiatrischen Kliniken. Im Jahr 2004 wollte ich eine Traumatherapie in einer psychosomatischen Klinik machen. Geplant war eine "Intervalltherapie". Doch nach dem ersten Aufenthalt in dieser Klinik, also nach der "Stabilisierungsphase", wurde mir von den Ärzten dieser Klinik abgeraten, noch einmal in die Klinik zu kommen, denn bei einer "komplexen posttraumatischen Belastungsstörung" ist eine Intervalltherapie in einer Klinik nicht geeignet, weil die Zeit viel zu kurz ist. Eine Therapie im "Eilverfahren" kann bei so einer schweren Störung mehr schaden als helfen.

Die Ärzte dieser Klinik waren der Meinung, dass eine Intervalltherapie nur dann geeignet ist, wenn jemand im Erwachsenenalter einmal ein traumatisches Erlebnis hatte, aber nicht, wenn man in der Kindheit jahrelang immer wieder traumatisiert wurde. Auch einer anderen Patientin, die in der Kindheit jahrelang unter sexueller Gewalt gelitten hatte, gaben die Ärzte dieser Klinik nach der Stabilisierungsphase den Rat, nicht noch einmal in die Klinik zu kommen und keine Intervalltherapie zu machen.

Bei Menschen, die in der Kindheit jahrelang immer wieder traumatisiert wurden und die unter einer "komplexen posttraumatischen Belastungsstörung" leiden, ist eine Langzeittherapie notwendig. Diese ambulante Traumatherapie kann unter Umständen 500 oder 600 Stunden dauern. So eine lange Therapie würde jedoch keine gesetzliche Krankenkasse in Deutschland zahlen. Die Krankenkassen zahlen maximal 180 Stunden. Menschen, die unter einer "komplexen posttraumatischen Belastungsstörung" leiden, werden also im Stich gelassen, und dagegen möchte ich mit dieser Website protestieren!

Was ich in einer psychiatrischen Klinik erlebt habe

In dem folgenden Bericht über meine Erfahrungen in einer psychiatrischen Klinik habe ich die Vornamen der Patientinnen, die mit mir auf der Station waren, geändert.

In einer psychiatrischen Klinik habe ich einige haarsträubende Dinge erlebt. Im Jahr 2005 war ich auf der "psychotherapeutischen Station" dieser Klinik. Der größte Teil der Patienten auf dieser Station war weiblich. Einige dieser Frauen hatten in der Kindheit unter sexueller Gewalt gelitten. Einer jungen Frau namens Anna, die bereits als kleines Kind regelmäßig von ihrem Erzeuger vergewaltigt worden war, ging es so schlecht, dass sie acht Monate in der Klinik bleiben musste. Sie war sehr labil, litt unter Panikattacken und war suizidgefährdet.

Obwohl diese schwer traumatisierten Frauen auf der Station waren, kam Herr Prof. Dr. A., der Arzt, der diese Station leitete, auf die absurde Idee, einen Exhibitionisten, der Herr R. hieß, auf der gleichen Station zu therapieren. Die Zimmer, in denen die Patientinnen schliefen, konnten von innen nicht abgeschlossen werden. Herr R. hätte also jederzeit in der Nacht in die Schlafzimmer der Patientinnen kommen können! Das tat er jedoch nicht, sondern erschreckte eine Patientin mit exhibitionistischen Handlungen in einem Raum im Keller, in dem die Waschmaschinen und der Wäschetrockner standen.

Glücklicherweise war es nicht Anna, die zu diesem Zeitpunkt in den Keller ging, um ihre Wäsche zu waschen, sondern Nathalie, eine andere junge Frau, die ein Jahr vorher vergewaltigt worden war. Nathalie war natürlich durch diese Vergewaltigung auch traumatisiert worden, aber nicht so schwer wie Anna, denn es ist ein großer Unterschied, ob jemand im Erwachsenenalter einmal vergewaltigt oder in der Kindheit jahrelang immer wieder vergewaltigt wird. Wenn Anna von Herrn R. erschreckt worden wäre, hätte sie dadurch retraumatisiert werden können. Aber auch bei Nathalie, die weniger schwer traumatisiert war als Anna, war dieses Erlebnis im Keller mit Sicherheit nicht förderlich für den Genesungsprozess!

Nachdem Herr R. Nathalie im Keller erschreckt hatte, wurde die ganze Sache totgeschwiegen. Nathalie bekam von Prof. Dr. A. die Anweisung, mit den anderen Patienten auf der Station nicht über diesen Vorfall zu sprechen. Und da wir nichts von diesem Vorfall wussten, gingen wir weiterhin in den Wäscheraum, um unsere Wäsche zu waschen.

In dieser Klinik gab es eine forensische Station. Das ist eine geschlossene Station, auf der Menschen, die ein Verbrechen begangen haben, therapiert werden. Auf diese Station hätte Herr R. meiner Meinung nach gehört. Er hätte gar nicht erst auf eine Station kommen dürfen, auf der auch traumatisierte Frauen behandelt wurden.

Nachdem Herr R. Nathalie im Keller erschreckt hatte, wurde er nicht auf die forensische Station verlegt. Er bekam noch eine zweite Chance. Er nutzte diese Chance, um noch einmal eine Patientin im Keller zu erschrecken, die ihre Wäsche waschen wollte. Diesmal war es Sabine, die in der Kindheit misshandelt und vernachlässigt worden war, aber zum Glück nicht unter sexueller Gewalt gelitten hatte. Es hätte jedoch genauso gut Anna passieren können, wenn sie zu diesem Zeitpunkt in den Wäscheraum gekommen wäre!

Nach diesem zweiten Vorfall sollte Herr R. immer noch nicht auf die forensische Station verlegt werden. Prof. Dr. A. wollte ihm noch eine Chance geben. Auch Sabine bekam die Anweisung, niemandem von diesem Vorfall zu erzählen, doch sie hielt sich glücklicherweise nicht daran. Nun wollte auch Nathalie nicht mehr länger schweigen, und es sprach sich in Windeseile auf der ganzen Station herum, dass Herr R. zwei Patientinnen im Wäscheraum erschreckt hatte. Alle Patienten auf der Station waren empört darüber, dass Herr R. auch nach diesem zweiten Vorfall nicht von der Station entlassen werden sollte. Als ich davon erfuhr, ging ich ins Schwesternzimmer und sagte einer Pflegerin, dass ich mich auf der Station nicht mehr sicher fühlte, da die Zimmer nachts nicht abgeschlossen werden konnten. Und ich könnte nun auch nicht mehr in den Keller gehen, um meine Wäsche zu waschen, wenn Herr R. nicht entlassen wird, erklärte ich der Pflegerin. Dazu sagte sie: "Sie brauchen keine Angst zu haben und können ruhig Ihre Wäsche waschen gehen. Exhibitionisten sind nicht gewalttätig oder gefährlich." "Wenn ich dazu gezwungen werde, etwas zu sehen, was ich nicht sehen will, ist das nichts anderes als Gewalt", erwiderte ich. Und dann fügte ich noch hinzu: "Außerdem sind hier auf der Station schwer traumatisierte Frauen, die in der Kindheit sexuelle Gewalt erlebt haben. Für diese Patientinnen ist ein Exhibitionist auf jeden Fall gefährlich, weil sie retraumatisiert werden könnten!" Das gleiche sagte ich auch der Ärztin, die für mich zuständig war, und sie versprach, mit Prof. Dr. A. darüber zu sprechen. Eine Stunde später erfuhren wir, dass Herr R. noch an diesem Tag die Station verlassen musste. Wir waren alle sehr erleichtert.

Im Jahr 2007 war ich in der gleichen Klinik auf der Depressionsstation. Auch diese Station wurde von Prof. Dr. A. geleitet. Auf dieser Station lernte ich eine 30jährige Frau namens Maria kennen, die unter so schweren Depressionen und so furchtbaren Ängsten litt, dass sie nicht mehr in ihrer Wohnung bleiben konnte, sondern in ein Behindertenheim umziehen musste. In diesem Heim lebte diese sehr intelligente Frau, die ein Hochschulstudium absolviert hatte, seit fast zwei Jahren.

Maria hatte nach dem Studium noch drei Jahre in ihrem Beruf gearbeitet. Sie hatte perfekt funktioniert, bis sie eines Tages einen Verkehrsunfall hatte, bei dem sie zum Glück nur leicht verletzt wurde. Doch seit diesem Unfall hatte sie plötzlich schwere Depressionen, Panikattacken und unerträgliche Muskelschmerzen im ganzen Körper. Sie litt unter einer "Fibromyalgie". Seit dem Unfall war Maria nicht mehr arbeitsfähig und musste schließlich sogar wegen ihrer schweren Depression und wegen ihrer Panikattacken in ein Behindertenheim umziehen. Sie konnte es allein in ihrer Wohnung nicht mehr aushalten.

Maria wurde von ihrem Psychiater auf die Depressionsstation einer psychiatrischen Klinik geschickt, die etwa 80 Kilometer von dem Behindertenheim entfernt war, in dem sie lebte. Es war eine Klinik in einem anderen Kreis, die eigentlich nicht für sie zuständig war. Und obwohl das Behindertenheim so weit weg war, schickte Prof. Dr. A. Maria jedes Wochenende nach Hause. Sie war stundenlang unterwegs, musste mehrmals umsteigen und an einem Bahnhof fast eine Stunde auf einen Bus warten. Wenn Maria am Sonntagabend weinend und völlig verzweifelt zurückkam, hatte niemand Mitleid mit ihr. Bei der sogenannten "Abendrunde", bei der alle Patienten erzählen mussten, wie es ihnen an diesem Tag ergangen war, weinte Maria und erzählte, dass sie unterwegs Panikattacken und Suizidgedanken gehabt hatte. Sie sagte, sie hätte beim Umsteigen an den Bahnhöfen immer wieder daran denken müssen, sich vor einen Zug zu werfen. Die beiden Pflegerinnen, die bei der Abendrunde anwesend waren, notierten zwar immer sehr eifrig, was die Patienten erzählten, doch sie sagten viel zu selten etwas Tröstliches, wenn es jemandem schlecht ging. Die meisten Pflegerinnen und Pfleger machten einen ziemlich abgestumpften Eindruck.

Maria erzählte auch Prof. Dr. A., was für einen Horror sie auf der Fahrt nach Hause erlebt hatte, doch er schickte sie an den folgenden Wochenenden wieder nach Hause.

Maria konnte seit dem Unfall kaum noch schlafen. Auch in der Klinik saß sie fast die ganze Nacht im Aufenthaltsraum. Sie war in einem schlimmen Zustand, doch Prof. Dr. A. gab sich keine Mühe, herauszufinden, was mit ihr los war. Ich fand sehr schnell heraus, was mit Maria los war, denn ich fragte sie, was sie in der Kindheit erlebt hatte. Sie erzählte mir, dass sie als Kind von ihrem Erzeuger, einem Pfarrer (!), oft verprügelt worden war. Einmal hatte sie auch dabei zusehen müssen, wie ihr Erzeuger ihren Bruder fast totgeschlagen hätte. Ich gab Maria den Rat, Herrn Prof. Dr. A. zu sagen, dass sie in der Kindheit misshandelt worden war. Und ich habe ihr auch geraten, nach dem Klinikaufenthalt unbedingt eine ambulante Traumatherapie zu machen.

Prof. Dr. A. hatte keine Ahnung, was Maria in ihrer Kindheit erlebt hatte, weil er sie nicht danach fragte. Und Maria erzählte auch nicht von sich aus von ihrer schlimmen Kindheit, sondern sprach immer nur von dem Verkehrsunfall und von den Flashbacks, die sie hatte, wenn sie eine Straße überqueren musste. Sie war total fixiert auf diesen Verkehrsunfall, weil sich ihr Leben nach dem Unfall so sehr verändert hatte und sie das Haus nicht mehr verlassen und auch keine Straße überqueren konnte, ohne Panikattacken zu bekommen. Maria wusste zwar, dass sie unter einer "posttraumatischen Belastungsstörung" und unter "Flashbacks" litt, aber sie führte das nur auf diesen Verkehrsunfall zurück, während ich das Gefühl hatte, dass dieser Verkehrsunfall nur der Tropfen gewesen war, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte. Die wahre Ursache für Marias schlimmen Zustand vermutete ich in ihrer Kindheit.

Das Pflegepersonal schien genervt zu sein, weil Maria immer wieder von diesem Verkehrsunfall erzählte. Sie bestand darauf, nicht allein die Station verlassen zu können, weil sie auf der Straße Panikattacken und Flashbacks bekäme. Da diese Depressionsstation verhaltenstherapeutisch orientiert war, glaubte Prof. Dr. A., dass er Maria nur dazu bringen müsse, ihre Angst zu überwinden und wieder allein auf die Straße zu gehen, um sie zu heilen. Deshalb schickte er sie jedes Wochenende nach Hause, doch Marias Angst verschwand dadurch nicht.

Nachdem Maria wochenlang keine Fortschritte gemacht hatte, lud Prof. Dr. A. Marias geschiedene Eltern zu einem Gespräch ein - ohne zu wissen, was Maria in der Kindheit erlebt hatte! In diesem Gespräch wollte er mit Maria und ihren Eltern besprechen, wie es nun weitergehen sollte. Marias Erzeuger war sehr böse auf seine Tochter und fand, dass sie sich einfach mal zusammenreißen sollte. Er sagte zu Herrn Prof. Dr. A.: "Meiner Meinung nach braucht meine Tochter nur mal einen Tritt in den Hintern!" Prof. Dr. A. widersprach Marias Erzeuger energisch, nachdem er diese Gemeinheit von sich gegeben hatte, und sagte: "Also, so geht es ja nicht!" Viel besser wäre es jedoch gewesen, wenn er Marias Erzeuger gar nicht erst zu diesem Gespräch eingeladen hätte, um ihm nicht die Gelegenheit zu geben, seine Tochter zu demütigen. Kein verantwortungsbewusster Arzt, der auch nur ein bisschen Ahnung von Psychotraumatolgie hat, würde das Opfer eines Gewaltverbrechens mit dem Täter zusammenbringen, denn dadurch wird das Opfer natürlich retraumatisiert. Doch Prof. Dr. A. wusste ja nicht einmal, dass Maria überhaupt das Opfer eines Gewaltverbrechens war, weil er es versäumt hatte, sie zu fragen, was sie in der Kindheit erlebt hatte.

Maria war sowieso schon in einem schlimmen Zustand. Und dann saß sie bei diesem Gespräch auch noch einem Mann gegenüber, der sie in der Kindheit furchtbar gequält hatte. Sie musste sich anhören, wie dieser Verbrecher sagte, dass sie "nur mal einen Tritt in den Hintern" bräuchte! Es war kein Wunder, dass es Maria nach diesem Gespräch noch wesentlich schlechter ging als vorher. Sie war nur noch ein Häufchen Elend und weinte sehr viel. Ich war die einzige, die manchmal mit ihr sprach. Alle anderen Patienten machten einen großen Bogen um sie. Auch für mich waren die Gespräche mit Maria sehr anstrengend und wahnsinnig deprimierend. Es ging mir selbst miserabel, und ich hatte keine Kraft, um täglich mit Maria zu sprechen und mich intensiv um sie zu kümmern.

Maria war die Hoffnungslosigkeit in Person. Manchmal machte sie noch zaghafte Versuche, Hilfe zu bekommen, indem sie die Pflegerinnen und Pfleger um ein Gespräch bat, doch sie bekam meistens nur unfreundliche Antworten. Oder sie wurde gefragt, ob sie ein Beruhigungsmittel haben möchte. Das Pflegepersonal hatte offenbar die Anweisung, nicht mehr mit Maria zu sprechen, sondern ihr statt dessen ein Beruhigungsmittel anzubieten. Bei einer Abendrunde sagte Maria mutig zu den anderen 25 Patienten und den zwei Pflegerinnen: "Ich habe den Eindruck, dass ich hier gemobbt werde!"

Als Maria wieder einmal im Aufenthaltsraum saß und furchtbar weinte, ging ich ins Schwesternzimmer, um einer Pflegerin mitzuteilen, dass es Maria sehr schlecht ging und dass sie Hilfe brauchte. "Ja, und warum kommt die Frau G. nicht selbst, um mir zu sagen, dass sie Hilfe braucht?" fragte die Pflegerin in einem sehr unfreundlichen Ton. "Vielleicht hat sie das Gefühl, dass es hier niemanden interessiert, wie es ihr geht?" vermutete ich. "Also, das glaub' ich jetzt nicht!" schnauzte die Pflegerin mich an. "Ich glaube das auch alles nicht mehr", sagte ich in einem ganz ruhigen und resignierten Ton und schüttelte den Kopf. Dann verließ ich den Raum. Ich hatte das Gefühl, im falschen Film zu sein, weil ich das Verhalten von Prof. Dr. A. und des Pflegepersonals als völlig absurd empfand, während Prof. Dr. A. und das Pflegepersonal hundertprozentig davon überzeugt waren, alles richtig zu machen und Maria und die anderen Patienten richtig zu behandeln.

Nachdem ich das Schwesternzimmer verlassen hatte, ging die Pflegerin widerwillig zu Maria, um ganz kurz mit ihr zu sprechen.

Bei der Visite sagte Prof. Dr. A. zu Maria: "Wir wissen nicht mehr, wie wir Ihnen helfen sollen! Wir sind ratlos!" Und als Maria ein paar Wochen später in einem sehr schlechten Zustand entlassen wurde, sagte Prof. Dr. A. beim Abschlussgespräch zu ihr: "Wir bereuen es, Sie bei uns aufgenommen zu haben!" Wie kann man nur so etwas zu einer Patientin sagen, die unter schweren Depressionen leidet?

Wenn Maria bösartig gewesen wäre oder randaliert hätte, könnte ich verstehen, dass ein Arzt es bedauert, sie auf seiner Station aufgenommen zu haben. Aber Maria war nicht bösartig und hatte nie jemanden beleidigt. Sie war einfach nur völlig verzweifelt und hatte ständig eine furchtbare Angst. Deshalb war sie anstrengend für das Personal und wurde unfreundlich behandelt, was ihren Zustand noch mehr verschlimmerte. Wenn Prof. Dr. A. gefragt hätte, was Maria in der Kindheit erlebt hat, und wenn er sie entsprechend behandelt hätte, wäre sie mit Sicherheit nicht so anstrengend gewesen.

Maria kam nach der Entlassung von dieser Depressionsstation auf die geschlossene Station der psychiatrischen Klinik, die für sie zuständig war. Ich kann nur hoffen, dass sie dort einen besseren Arzt hatte!

Auf dieser Depressionsstation war auch Susanne, eine 58jährige Frau, die seit ihrer Kindheit unter schweren Depressionen litt, weil sie ein unerwünschtes Kind war und von ihrer Erzeugerin sehr abweisend behandelt worden war. Auch mit Susanne sprach Herr Prof. Dr. A. nicht über ihre Kindheit. Er gab ihr viel zu hoch dosierte Medikamente, die nicht halfen. Susannes Depression wurde immer schlimmer statt besser. Deshalb schickte Prof. Dr. A. Susanne in eine andere psychiatrische Klinik zur "Elektrokrampftherapie". Dort musste Susanne erst einmal einen Entzug machen, weil Herr Prof. Dr. A. ihr zu viele Medikamente gegeben hatte. Nach dem Entzug wurde die "Elektrokrampftherapie" gemacht, was ich für eine Menschenrechtsverletzung halte. Nach dieser "Therapie" hatte Susanne immer noch genauso schwere Depressionen. Zusätzlich litt sie dann auch noch unter Gedächtnisstörungen, weil die "Elektrokrampftherapie" das Gehirn schädigt.

In den psychiatrischen Kliniken, in denen ich bisher war, wurde meiner Meinung nach nur an den Symptomen herumgedoktert. Die Ursachen für die seelische Erkrankung der Patienten wurde einfach ignoriert. Auf diese Weise kann ein traumatisierter Mensch natürlich nicht gesünder werden.

Ich habe nun endlich die richtige Therapeutin gefunden. Ich mache seit Januar 2008 eine ambulante Traumatherapie. Seitdem musste ich glücklicherweise nicht mehr in die Psychiatrie, weil diese ambulante Therapie mich stabilisiert hat. Monatelange Klinikaufenthalte sind für die Krankenkasse wesentlich teurer als eine ambulante Therapie. (Im Jahr 2007 war ich insgesamt fünf Monate in der Psychiatrie!) Eigentlich müsste meine Krankenkasse froh darüber sein, dass ich eine ambulante Traumatherapie mache. Doch das ist leider nicht so. Ich muss seit April 2008 täglich Angst haben, meine Traumatherapie abbrechen zu müssen. Das ist für mich ein furchtbarer Stress.

Meine Krankenkasse wird maximal 180 Stunden Traumatherapie zahlen. Da die Krankenkasse immer nur 25 Stunden bewilligt und meine Therapeutin immer wieder neue Anträge stellen muss, lebe ich in der ständigen Angst, dass der nächste Antrag nicht mehr bewilligt wird und dass ich dann die Therapie abbrechen muss.

Eigentlich würde ich gerne die Dosis meiner Medikamente reduzieren, damit ich mich tagsüber nicht wie betrunken und völlig benommen fühle. Aber da ich so eine große Angst vor der Zukunft habe, weil ich nicht weiß, wie lange ich die Traumatherapie noch weitermachen kann, ist es im Moment völlig unmöglich, die Medikamente zu reduzieren. Ohne diese Traumatherapie habe ich keine Zukunft mehr. Wenn ich die Therapie abbrechen müsste, würde ich sofort wieder in die Psychiatrie kommen. Und es bestünde die Gefahr, dass ich wegen meiner schweren Depressionen und wegen meiner furchtbaren Ängste den Rest meines Lebens in einem Behindertenheim verbringen müsste. Das wäre dann für den Staat wesentlich teurer als eine ambulante Traumatherapie - selbst wenn diese Therapie 500 oder 600 Stunden dauern würde!

Ich kann nicht begreifen, dass ich als Gewaltopfer nicht das Recht habe, eine Traumatherapie zu machen!