Prävention von Kindesmisshandlung
Ich verstehe nicht, warum die Jugendämter in Deutschland viel zu wenige Mitarbeiter haben und warum Vereine wie z.B. der "Deutsche Kinderschutzbund" oder die "Arche" nicht viel mehr vom Staat unterstützt werden, denn die Prävention von Kindesmisshandlung wäre für den Staat wesentlich billiger als die Therapie von misshandelten und vernachlässigten Kindern, die oft für den Rest ihres Lebens in ärztlicher und psychotherapeutischer Behandlung sind und von Sozialhilfe leben müssen.
Für mich ist es unbegreiflich, dass in Deutschland nicht an jeder Schule ein Schulpsychologe und ein oder zwei Sozialpädagogen arbeiten, die sich um auffällige - also leidende (!) - Kinder kümmern könnten.
Es gibt in Deutschland auch heute noch Grundschulen, in denen die Lehrer auffällige Kinder zur Strafe in die Ecke stellen. Auf diese Art und Weise kann man einem vernachlässigten und / oder misshandelten Kind garantiert nicht helfen!
Viele Lehrer haben keine besseren Ideen, als auffällige Schüler vor der ganzen Klasse zurechtzuweisen oder sogar zu demütigen. Viel klüger wäre es, nach dem Unterricht oder in der Pause allein mit dem Kind zu sprechen und es zu fragen, warum es sich so verhält und ob es Hilfe braucht.
Lehrer sollten mit ihren Schülern mindestens einmal pro Jahr im Unterricht über das Thema "Gewalt in der Familie" sprechen und ihnen sagen, dass sie sich an ihren Klassenlehrer wenden können, wenn sie zu Hause Gewalt erleben.
In jeder Schule sollte die "Nummer gegen Kummer" (Sorgentelefon des Kinderschutzbundes) an der Pinnwand hängen. Man könnte auch in jeder Schule ein Schild aufhängen mit der Aufschrift "Wenn du Hilfe brauchst oder in Not bist, kannst du dich an den Sozialarbeiter / Vertrauenslehrer XY wenden, den du in Zimmer 25 im zweiten Stock findest."
Die alltägliche Kindesmisshandlung
Auf der Straße, im Bus oder im Supermarkt höre ich oft, dass Eltern ihr Kind demütigen, es anschreien oder ihm drohen. Auch das ist meiner Meinung nach Kindesmisshandlung, und ich finde, dass Leute, die solche Szenen mitbekommen, die moralische Pflicht haben, einzugreifen und das Kind in Schutz zu nehmen.
Einige Beispiele:
Ein ein - oder zweijähriges Kind hat etwas Interessantes entdeckt und bleibt stehen, um es sich anzusehen. Die Mutter, die es eilig hat, ruft ihm aus einiger Entfernung zu: "Tschüs, ich gehe jetzt!" Daraufhin rennt das Kind weinend hinter seiner Mutter her, weil es Angst hat, von der Mutter verlassen zu werden. In solchen Fällen sage ich zu der Mutter: "Glauben Sie, dass Ihr Kind auf diese Art und Weise lernt, Ihnen zu vertrauen?"
Eine Mutter stieg mit ihrer etwa achtjährigen Tochter in einen Bus ein. Sie schimpfte sehr laut mit ihr, weil das Kind sie nicht darauf aufmerksam gemacht hatte, dass der Bus kam, als sie an der Haltestelle standen. Deshalb hätten Mutter und Tochter den Bus beinah verpasst, was glaube ich kein Drama gewesen wäre, da der Bus alle zehn Minuten fuhr. Die Mutter hatte etwas in ihrer Tasche gesucht und war dadurch abgelenkt, so dass sie den Bus fast nicht bemerkt hätte.
Viele Leute in dem Bus beobachteten diese Szene. Die Mutter schimpfte so laut, dass fast alle Leute darauf aufmerksam wurden, doch keiner half dem Kind, das beschämt auf den Boden sah. "Deshalb brauchen Sie doch nicht gleich so zu schimpfen! Das kann doch mal passieren, dass ein Kind träumt und deshalb nicht bemerkt, dass der Bus kommt!" sagte ich. "Was geht Sie das denn an?" fragte die Mutter unfreundlich. "Es geht jeden etwas an, wenn ein Kind nicht gut behandelt wird!" antwortete ich. "Die wird schon gut behandelt!" erwiderte die Mutter. "Ja, das merkt man!" sagte ich mit ironischem Unterton.
Auf einem Schiff habe ich einmal folgende Szene beobachtet: Ein etwa siebenjähriges Mädchen wollte seiner Mutter, die etwa zwei bis drei Meter entfernt von ihm auf einer Bank saß, ein Haarband zuwerfen, weil sie es in ihrer Tasche aufbewahren sollte. Die Mutter konnte das Haarband nicht auffangen, weil das Kind das Band aus Versehen zu hoch und zu weit geworfen hatte. Deshalb landete das Haarband im Bodensee. Das Kind sah sehr erschrocken aus, und der Vater sagte: "Du dummes Mädchen!" Dann ging er mit seinem Sohn in ein anderes Stockwerk des Schiffes und kam eine längere Zeit nicht wieder. Mutter und Tochter schwiegen. Das Kind sah traurig aus. Ich sprach die Mutter an, die mir gegenüber saß, und fragte sie: "Fanden Sie das gerade in Ordnung, was Ihr Mann zu Ihrer Tochter gesagt hat? Sie ist doch kein dummes Mädchen, nur weil ihr mal ein Missgeschick passiert! So etwas kann doch jedem mal passieren!" Das Kind sah mich aufmerksam an, und die Mutter sagte: "Ja, da haben Sie recht." Ich gab der Mutter den Rat, mit ihrem Mann darüber zu sprechen und ihm zu erklären, welche Folgen es hat, wenn er so mit seinem Kind spricht. Ich habe ihr erzählt, dass ich in meiner Kindheit auch sehr oft als "dumm" bezeichnet wurde und heute unter einem mangelnden Selbstwertgefühl leide. "Ja, Sie haben recht. Ich werde mit meinem Mann darüber reden", sagte die Mutter. Sie war freundlich und bedankte sich bei mir. Solche Reaktionen erlebe ich selten. Die meisten Eltern reagieren aggressiv, wenn ich sie darauf anspreche, dass ihr Verhalten nicht in Ordnung war, und fragen: "Was geht Sie das an?"
Sehr schlimm finde ich es auch, wenn Eltern ihr weinendes Kind einfach ignorieren und es nicht trösten. Ich höre auch immer wieder, dass Eltern in einem barschen Ton zu ihrem Kind sagen: "Hör auf zu heulen!"
Wenn Eltern ihre Kinder anschreien oder demütigen, sage ich meistens: "Ihr Kind tut mir sehr leid!" Manchmal sage ich auch: "Ihr Kind wird seelisch krank, wenn Sie so weitermachen!"
Wichtig ist meiner Meinung nach, dass das Kind merkt, dass seine Eltern kritisiert werden und dass ein anderer erwachsener Mensch nicht damit einverstanden ist, dass es so schlecht behandelt wird, damit es diese Behandlung nicht als normal empfindet.
Einmal schrie eine Mutter ihre etwa achtjährige Tochter auf der Straße an. "Ihre Tochter tut mir sehr leid!" sagte ich. "Die braucht Ihnen nicht leid zu tun! Die ist ungezogen und frech!" Ich diskutierte ein paar Minuten lang mit dieser Mutter, während ein Ehepaar ganz in der Nähe stand. Beide nickten mir zu und schienen meiner Meinung zu sein, doch sie sagten keinen Ton. Ich finde es immer sehr schade, wenn ich die einzige bin, die in solchen Situationen die Eltern kritisiert. Wenn mehrere Leute den Eltern sagen würden, dass es nicht in Ordnung ist, so mit einem Kind umzugehen, wäre das garantiert wirkungsvoller.
Ich finde, dass jeder erwachsene Mensch die Pflicht hat, einem wehrlosen Kind zu helfen, wenn es von den Eltern angeschrien, geschlagen oder gedemütigt wird. Kinder haben genau wie Erwachsene das Recht, mit Achtung behandelt zu werden.
Es ist für mich auch selbstverständlich, sofort die Polizei und das Jugendamt zu benachrichtigen, wenn ich den Eindruck habe, dass ein Kind in der Nachbarschaft misshandelt oder vernachlässigt wird!