Briefe

Brief an das Bundesgesundheitsministerium vom 6. Februar 2010:

Sehr geehrte Frau L.,

ich hatte Ihnen vor einem Jahr schon einmal geschrieben, als meine Krankenkasse meine ambulante Traumatherapie nicht mehr länger zahlen wollte. Sie haben mir geantwortet, dass ich eine Klage beim Sozialgericht einreichen und mich an die für meine Krankenkasse zuständige Aufsichtsbehörde wenden kann, um zu erfahren, ob meine Krankenkasse rechtmäßig über meinen Antrag entschieden hat.

Glücklicherweise musste ich keine Klage einreichen, denn meine Krankenkasse hat im Juli 2010 entschieden, dass ich die Traumatherapie doch noch weitermachen kann, aber nur wenn meine Traumatherapeutin in jedem Verlängerungsantrag bestätigt, dass ich Fortschritte gemacht habe und wenn ich nicht in eine Klinik gehe.

Für mich ist es eine Katastrophe, dass ich immer wieder monatelang in der Ungewissheit leben muss, ob ich meine überlebensnotwendige Traumatherapie weitermachen kann oder nicht. Ich leide unter einer "komplexen posttraumatischen Belastungsstörung" und leide sowieso schon unter ständiger Angst. Die Angst, meine Traumatherapie abbrechen zu müssen, bewirkt, dass ich noch kränker werde als ich es bereits bin.

Im Jahr 2010 musste ich von Anfang Februar bis Anfang Juli auf eine Entscheidung der Krankenkasse warten. Das waren immerhin fünf Monate, in denen es mir extrem schlecht ging und in denen ich in einer schweren Krise war.

Jetzt warte ich schon wieder seit zwei Monaten auf eine Entscheidung meiner Krankenkasse, weil meine Traumatherapeutin vor zwei Monaten einen Verlängerungsantrag stellen musste. In den letzten zwei Monaten ging es mir miserabel.

In den Niederlanden können Menschen, die in der Kindheit jahrelang gequält wurden, mindestens vier Jahre lang eine ambulante Traumatherapie machen - mit zwei Therapiestunden pro Woche! Ich habe nur eine Stunde pro Woche, was bei einer "komplexen posttraumatischen Belastungsstörung" viel zu wenig ist.

Ich frage mich nun, warum Menschen, die in der Kindheit jahrelang gequält wurden, in einem reichen Land wie Deutschland so sehr im Stich gelassen werden und nicht einmal das Recht haben, eine angemessene Therapie zu machen. Es gibt außer mir noch Tausende von Menschen, die ständig um ihre Traumatherapie kämpfen müssen, obwohl sie eigentlich keine Kraft mehr haben. Einige dieser Menschen haben die "Initiative Phoenix" gegründet:

www.initiative-phoenix.de/

Ich bin seit zwei Monaten in einer schlimmen Krise und leide unter schwersten Depressionen und Angstzuständen. Diese Depressionen und Angstzustände muss ich ganz allein aushalten, weil ich allein lebe. Ich hatte noch nie einen Freund, weil ich seit meiner Kindheit eine große Angst vor anderen Menschen habe und niemandem vertrauen kann.

Im Moment leide ich nicht nur unter schwersten Depressionen, furchtbaren Ängsten und Muskelschmerzen im ganzen Körper, die in den letzten zwei Monaten durch Angst und Stress schlimmer geworden sind, sondern auch unter einem "Burnout - Syndrom". Ich bin wahnsinnig müde und erschöpft. Ich schaffe es kaum noch, meine Hausarbeit zu erledigen. Und ich bin so depressiv, dass ich nicht spazieren gehen oder malen kann, obwohl ich das eigentlich gerne tue.

Ich müsste jetzt eigentlich dringend für vier bis sechs Wochen in eine psychosomatische Klinik gehen, doch das ist nicht möglich, weil meine Krankenkasse sonst meine ambulante Traumatherapie nicht mehr länger zahlen würde.

Leider kann ich auch nicht in Urlaub fahren, weil ich von einer sehr niedrigen Erwerbsunfähigkeitsrente leben muss. Die meisten Opfer von Kindesmisshandlung und sexueller Gewalt müssen in Armut leben, weil sie nicht dazu fähig sind, eine Berufsausbildung zu machen und zu arbeiten.

Ich habe vor 13 Jahren eine Opferentschädigung beantragt. Jetzt klage ich in der zweiten Instanz. Ein Ende dieses Prozesses ist immer noch nicht abzusehen. Wenn ich diesen Prozess gewinnen würde, müsste das Versorgungsamt meine ambulante Traumatherapie zahlen. Dann müsste ich nicht mehr in der ständigen Angst leben, die Therapie abbrechen zu müssen. Doch langsam frage ich mich, ob ich den Tag noch erleben werde, an dem ich endlich Hilfe bekomme.

Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir schreiben würden, was ich jetzt tun soll, denn ich bin sehr verzweifelt und ratlos. Wenn ich mich an die zuständige Aufsichtsbehörde meiner Krankenkasse wende und frage, ob es rechtmäßig ist, dass meine Krankenkasse mich damit erpresst, dass ich die Traumatherapie nur weitermachen kann, wenn ich nicht in eine Klinik gehe, dann würde ich meine Krankenkasse damit wahrscheinlich verärgern und würde es riskieren, dass keine weiteren Stunden mehr gezahlt werden.

Im Jahr 2007 war ich insgesamt fünf Monate auf der Depressionsstation einer psychiatrischen Klinik, was für meine Krankenkasse wesentlich teurer war als eine ambulante Traumatherapie. Auch in den Jahren vorher war ich sehr oft in der Psychiatrie. Seit ich im Januar 2008 die ambulante Traumatherapie angefangen habe, musste ich nicht mehr in die Psychiatrie. Meine Krankenkasse spart also sehr viel Geld und müsste mir eigentlich dankbar dafür sein, dass ich eine Traumatherapie mache. Deshalb verstehe ich nicht, dass ich so unter Druck gesetzt werde und so schnell Fortschritte machen muss, obwohl ich nur eine Therapiestunde pro Woche habe. Ich verstehe auch nicht, warum es nicht möglich ist, für vier bis sechs Wochen in eine psychosomatische Klinik zu gehen, wenn ich völlig erschöpft bin und schlimme Muskelschmerzen habe. Dass ich jetzt in einer Krise bin und schwere Depressionen habe, habe ich zum größten Teil meiner Krankenkasse zu verdanken, weil ich innerhalb eines Jahres insgesamt sieben Monate lang in der Ungewissheit leben musste, ob ich meine Traumatherapie weitermachen kann oder nicht. Diese Angst und Ungewissheit sind Gift für mich.

Wenn ich in den letzten drei Jahren nicht nur eine Therapiestunde pro Woche gehabt hätte, sondern zwei Therapiestunden, so wie es in den Niederlanden üblich ist, würde es mir heute wahrscheinlich schon wesentlich besser gehen. Für mich ist es unbegreiflich, dass ich so wenig Hilfe bekomme und dass mir immer wieder Steine in den Weg gelegt werden. Und ich weiß von vielen anderen Menschen, die in der Kindheit jahrelang gequält wurden, dass sie ganz genauso wenig Hilfe bekommen wie ich.

Mit freundlichen Grüßen

Sylvie Martin