Bericht über die Misshandlung in meiner Kindheit

Sylvie Noell Martin

Ich kann die Verbrecherin, die mich in der Kindheit schwer misshandelt hat, nicht "Mutter" nennen. Sie heißt Frau Inge S. Die Eltern von Frau Inge S. hießen Frau Sophie S. und Herr Gustav S.

Inhalt:

Meine Kindheit bis zum Alter von 6 Jahren

Meine Kindheit zwischen 6 und 14 Jahren

Meine Jugendzeit

Heute

 

 

Meine Kindheit bis zum Alter von 6 Jahren

Ich kann mich nicht daran erinnern, in den ersten fünf Jahren meines Lebens verprügelt worden zu sein. Aber ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass es fast täglich Streit zwischen Frau Inge S. und Frau Sophie S. gab. Dann wurde geschrien, Türen wurden zugeknallt, und es gab auch gewalttätige Auseinandersetzungen. Einmal ist Frau Sophie S. mit einem Schrubber auf Frau Inge S. losgegangen, obwohl ich neben Frau Inge S. stand und auch hätte verletzt werden können. Ein anderes Mal trat Frau Inge S. aus Wut die Glasscheibe in der Küchentür ein.

In den ersten sechs Jahren meines Lebens wohnten wir zu dritt in einer Zweizimmerwohnung in Kronberg. Vor etwa sechs Jahren habe ich mit Frau G. gesprochen, die jahrzehntelang in der Nachbarwohnung gewohnt hatte. Ich habe sie gefragt, was sie damals aus unserer Wohnung hörte. Frau G. antwortete: "Es war von Anfang an immer laut!" Damit meinte sie, dass es schon im Jahr 1954 immer laut war, als Frau Inge S. mit ihren Eltern dort einzog. Herr Gustav S. war sehr gewalttätig. Er starb glücklicherweise im Jahr 1955, so dass ich ihn nie kennenlernen musste.

Auch Herr Gustav S. und seine Schwester waren in der Kindheit von ihrem Vater, der Alkoholiker war, verprügelt worden. Als Erwachsene waren er und seine Schwester dann genauso gewalttätig wie ihr Vater. Als Frau Sophie S. eine längere Zeit im Krankenhaus war, mussten ihre Kinder bei ihrer Tante wohnen. Frau Sophie S. erzählte mir, dass die Kinder mit Striemen auf dem Rücken zurückkamen, weil diese Tante sie mit einer Peitsche verprügelt hatte.

Frau B., eine andere Nachbarin, erzählte mir einmal, dass alle Leute in der Siedlung, die aus fünf Mehrfamilienhäusern mit jeweils sechs Wohnungen bestand, gewusst hätten, dass Frau Inge S. und Frau Sophie S. sich geschlagen haben. Alle Leute wussten auch, dass ein kleines Kind in dieser Wohnung lebte, in der zwei völlig verrückte Frauen fast täglich herumbrüllten und sich schlugen, doch niemand half mir.

Als ich sechs Jahre alt war, habe ich einmal auf dem kleinen Spielplatz gespielt, der zu diesen fünf Mehrfamilienhäusern gehörte. An diesem Tag hatte Frau Z., die im ersten Stock unseres Hauses wohnte, Besuch von ihrer Tochter und ihren beiden Enkelkindern. Diese Kinder waren auch auf dem Spielplatz, und ich hatte Streit mit ihnen. Wir haben uns mit Sand aus dem Sandkasten beworfen. Die beiden Kinder liefen zu ihrer Mutter und Großmutter und erzählten, dass ich sie mit Sand beworfen hatte, worauf die Mutter der Kinder bei Frau Inge S. und Frau Sophie S. klingelte und sich über mich beschwerte. Als ich nach Hause kam, holte Frau Inge S. einen Kochlöffel aus dem Küchenschrank und verprügelte mich, weil ich "ausgerechnet" die Enkelkinder von Frau Z. mit Sand beworfen hatte.

Ich wusste, dass Frau Inge S. und Frau Sophie S. Frau Z. nicht leiden konnten, aber im Alter von sechs Jahren wusste ich nicht, welchen Grund das hatte. Das erfuhr ich erst ungefähr zehn Jahre später von Frau Sophie S. Sie erzählte mir, dass der Mann von Frau Z. Herrn Gustav S. kurz nach dem zweiten Weltkrieg angezeigt hatte, weil er während des Krieges in einem Untersuchungsgefängnis in Frankfurt gearbeitet und dort einen Gefangenen wegen eines Fluchtversuchs erschossen hatte. Wegen dieser Anzeige von Herrn Z. kam Herr Gustav S. ins Gefängnis. Als Frau Sophie S. mir das erzählte, wusste ich, was Frau Inge S. gemeint hatte, als sie sagte, dass ich "ausgerechnet die Enkelkinder von Frau Z." mit Sand beworfen hatte.

Frau Inge S. und Frau Sophie S. waren sehr böse auf Herrn Z. und auch auf seine Frau, weil Herr Z. ihrer Meinung nach dafür verantwortlich war, dass Herr Gustav S. ins Gefängnis musste. Dass er jedoch ins Gefängnis gekommen war, weil er einen Menschen getötet hatte, schien nicht einmal Frau Sophie S. zu begreifen, obwohl sie sich sonst oft über ihren verstorbenen Mann beschwerte und mir erzählte, wie brutal er war. Einmal bedrohte er sogar Frau Sophie S. und seine Kinder mit einer Pistole. Frau Sophie S. schloss sich dann mit den Kindern in einem Zimmer der Wohnung ein und rief aus dem Fenster um Hilfe.

Herr Gustav S. war ein Nazi. Doch das Wort "Nazi" wurde bei uns nie ausgesprochen. Frau Sophie S. erzählte mir, dass ihr Mann während des zweiten Weltkrieges "bei der Polizei" gewesen sei und in einem Gefängnis gearbeitet habe, weil er Fremdsprachen konnte. In diesem Gefängnis seien auch Ausländer gewesen, die kein Deutsch konnten. Frau Sophie S. schien sehr stolz darauf zu sein, dass ihr Mann Fremdsprachen konnte und so eine wichtige Aufgabe in diesem Gefängnis hatte.

Frau Inge S. vergötterte ihren Vater auch noch, als sie 45 Jahre alt und er bereits seit zwanzig Jahren tot war. Nur einmal gab sie zu, dass ihr Vater ihre Mutter verprügelt hatte. Das sei aber die Schuld ihrer Mutter gewesen, die ihn oft mit ihrer Bosheit dazu gebracht hätte, sie zu verprügeln. Frau Inge S. erzählte mir auch, dass ihr Vater sie einmal zum Einkaufen geschickt hatte, als sie fünf Jahre alt war. Er hatte ihr fünf Mark mitgegeben, die sie aber verlor. Als sie wieder nach Hause kam und erzählte, dass sie das Geld verloren hatte, wurde sie von ihrem Vater getreten. Frau Inge S. sagte, dass das aber nur deshalb passiert sei, weil ihr Vater so wütend war, denn fünf Mark seien damals sehr viel Geld gewesen. Sonst hat Frau Inge S. nie etwas Negatives über ihren Vater erzählt.

Meine Kindheit zwischen 6 und 14 Jahren

Als ich sechseinhalb Jahre alt war, bin ich mit Frau Inge S. von Kronberg nach Eschborn in eine Zweizimmerwohnung in einem Hochhaus umgezogen. Kurz nach diesem Umzug habe ich in dem Schlafzimmer gespielt, das ich mir mit Frau Inge S. teilen musste. Auf dem Boden lagen einige Spielsachen, die ich wegräumen sollte. Doch ich räumte nicht auf, sondern schob die Spielsachen unter den Kleiderschrank und das Bett. Als Frau Inge S. zurückkam und sah, dass ich nicht aufgeräumt hatte, sondern alles einfach unter den Schrank und das Bett geschoben hatte, holte sie den Kochlöffel aus der Küche und verprügelte mich damit.

Als Frau Inge S. mich wegen des Streits mit den Enkelkindern von Frau Z. und wegen der Spielsachen, die ich unter den Schrank und das Bett geschoben hatte, verprügelte, habe ich verstanden, dass ich etwas falsch gemacht hatte und dafür bestraft worden war, denn es ist ja eindeutig nicht in Ordnung, jemanden mit Sand zu bewerfen oder Spielsachen unter den Schrank und das Bett zu schieben und so die Unordnung verschwinden zu lassen. Doch in den folgenden Jahren wurde ich immer wieder verprügelt, ohne auch nur ein einziges Mal einen wirklichen Grund dafür erkennen zu können. Und wenn ich mal etwas "angestellt" hatte, wofür ein anderes Kind bestraft worden wäre, lachte Frau Inge S. nur darüber und fand es gar nicht schlimm. Deshalb hatte ich keine Ahnung, wie ich mich verhalten sollte, um nicht verprügelt zu werden. Es gab keine klaren Regeln oder Verbote.

In den Monaten nach unserem Umzug nach Eschborn war das Grundstück, das zu den zwei neugebauten Hochhäusern gehörte, noch nicht fertig. Es gab noch keinen Rasen, sondern nur Schlamm und Matsch. Einmal sind meine Spielkameradin Britta und ich immer wieder über eine Pfütze gesprungen und dabei mehrmals ausgerutscht und im Schlamm gelandet. Wir waren total schmutzig, und deshalb bekam Britta eine Ohrfeige von ihrer Mutter, während Frau Inge S. nur lachte, als sie mich sah.

Direkt neben uns wohnte Frau O. mit ihrer Tochter Isabella, die genauso alt war wie ich und mit der ich oft gespielt habe.

Kurz nach unserem Umzug nach Eschborn klingelte Frau O. bei uns und sprach mit Frau Inge S. im Wohnzimmer, während ich im Schlafzimmer spielte. Plötzlich wurde die Schlafzimmertüre geöffnet, und Frau Inge S. kam mit Frau O. herein, um ihr das Schlafzimmer zu zeigen. Nachdem Frau O. wieder gegangen war, verprügelte Frau Inge S. mich mit dem Kochlöffel, weil ich nicht auf die Idee gekommen war, die Tür des Kleiderschrankes zu schließen, als ich hörte, dass Frau O. geklingelt hatte und in die Wohnung gekommen war.

Frau O. besaß sehr viele schicke und teure Kleider. Und nun hatte sie gesehen, dass Frau Inge S. viel weniger Kleider hatte, weil der Kleiderschrank offen war. Das war Frau Inge S. sehr peinlich, und deshalb verprügelte sie mich.

Ich hatte bis zu diesem Tag gar nicht gewusst, dass Frau Inge S. sich schämte, weil sie weniger Kleider besaß als Frau O. Deshalb war ich natürlich auch nicht auf die Idee gekommen, den Kleiderschrank zu schließen, als Frau O. in die Wohnung kam. Doch Frau Inge S. erwartete von mir, dass ich Gedanken lesen konnte und in jeder Situation genau wusste, was ich zu tun hatte, damit es ihr gut ging.

Für mich war es ein Rätsel, warum ich wegen eines offenen Kleiderschrankes verprügelt wurde, während Frau Inge S. nur lachte, wenn meine Kleider voller Schlamm und Schmutz waren.

Wenn Frau Inge S. mich mit dem Kochlöffel oder einem Kleiderbügel aus Holz verprügelte, schrie sie dabei furchtbare Schimpfwörter, wie z.B. "Du verdammte Mistbiene!" oder "Du verdammtes Miststück!"

Wenn ich mit einem Kochlöffel oder Kleiderbügel verprügelt wurde, waren meine Oberschenkel hinterher ganz rot. Und dann bekam ich Blutergüsse. Meine Oberschenkel waren oft übersät von Blutergüssen. Und während Frau Inge S. mit dem Kochlöffel oder Kleiderbügel auf mich einschlug, hatte ich so schlimme Schmerzen, dass ich das Gefühl hatte, es nicht mehr aushalten zu können. Sie schlug mich minutenlang, und das tat wahnsinnig weh. Manchmal bekam Frau Inge S. aber auch Wutausbrüche, die wesentlich länger dauerten als ein paar Minuten. Dann verprügelte sie mich mehrmals und schrie dabei wie verrückt.

Als ich acht Jahre alt war, habe ich eines Tages alle Kochlöffel aus der Besteckschublade geholt und habe sie unter dem Bett versteckt. Das eine Bett, das im Schlafzimmer stand, hatte statt eines Lattenrostes ein Metallgitter mit mehreren Spiralen. Ich habe die Kochlöffel sorgfältig in diesen Spiralen eingeklemmt, so dass sie nicht herunterfallen konnten, wenn Frau Inge S. staubsaugte. Als sie dann bemerkte, dass alle Kochlöffel fehlten, wusste sie sofort, dass ich sie versteckt hatte. Frau Inge S. wurde nicht wütend, sondern sagte in einem fast gleichgültigen Ton: "Du kannst mir die Kochlöffel ruhig wieder zurückgeben. Ich schlage dich sowieso. Wenn ich keine Kochlöffel habe, nehme ich halt etwas anderes." Und dann fügte sie noch hinzu: "Ich kann dich nicht mit der Hand schlagen, weil ich Schmerzen in den Armen habe. Dann würde ich mir ja selbst wehtun." Ich sah ein, dass es keine gute Idee gewesen war, die Kochlöffel zu verstecken. Deshalb kroch ich unter das Bett und gab Frau Inge S. die Kochlöffel zurück.

Als ich sieben oder acht Jahre alt war, suchte Frau Inge S. an einem Abend eine kleine Tasche, die wie ein großes Portemonnaie aussah. Diese Tasche hatte keinen Henkel und auch keinen Riemen zum Umhängen. Frauen benutzen solche Taschen nur dann, wenn sie ins Theater oder Konzert gehen und ein Abendkleid tragen. Da Frau Inge S. schon sehr lange abends nicht mehr weggegangen war, wusste sie nicht mehr, wo sie diese Tasche hingelegt hatte. Sie suchte danach, und als sie die Tasche nicht finden konnte, kam sie zu mir ins Schlafzimmer und fragte mich, ob ich mit dieser Tasche gespielt hatte. "Nein", antwortete ich. Doch Frau Inge S. glaubte mir nicht und verprügelte mich mit dem Kochlöffel. "Du sagst mir jetzt sofort, wo die Tasche ist!" schrie sie. "Ich weiß es doch nicht! Ich weiß es doch nicht!" rief ich immer wieder, doch Frau Inge S. schlug immer weiter auf mich ein. Als sie dann endlich damit aufhörte, sagte sie: "Ich komme gleich wieder! Ich schlage dich so lange, bis du mir sagst, wo die Tasche ist!" Dann ging sie aus dem Zimmer, machte die Tür zu und suchte weiter nach ihrer Tasche.

Frau Inge S. suchte an diesem Abend endlos lange im Wohnzimmer, in der Abstellkammer und im Keller nach dieser Tasche, während ich endlos lange auf dem Bett im Schlafzimmer lag und eine furchtbare Angst hatte. Sie unterbrach die Suche immer wieder und kam ins Schlafzimmer, um mich zu verprügeln. Wenn die Schlafzimmertüre aufging, sagte ich wimmernd: "Bitte hau’ mich nicht! Ich weiß wirklich nicht, wo die Tasche ist!" Doch Frau Inge S. hatte kein Mitleid und prügelte immer weiter, ohne darüber nachzudenken, ob es überhaupt sein kann, dass ein Kind sich immer wieder verprügeln lässt, um eine Tasche behalten zu können oder um nicht zugeben zu müssen, dass es die Tasche beim Spielen kaputt gemacht oder verloren hat. Wenn Frau Inge S. wirklich davon überzeugt gewesen wäre, dass ich die Tasche versteckt oder verloren hatte, hätte sie auch gar nicht so lange danach gesucht.

Nachdem ich den ganzen Abend Angst davor haben musste, dass die Schlafzimmertüre wieder aufgeht und ich wieder verprügelt werde, fand Frau Inge S. diese Tasche in einem Karton in der Abstellkammer unter ihren Seidentüchern. Sie kam wieder ins Schlafzimmer, aber diesmal nicht, um mich zu verprügeln, sondern um mir mitzuteilen, wo sie die Tasche gefunden hatte. Frau Inge S. hatte völlig vergessen, dass sie mich den ganzen Abend immer wieder verprügelt hatte. Sie entschuldigte sich nicht und verlor kein Wort darüber, dass sie mich falsch beschuldigt hatte. Es schien so, als wäre ich nie verprügelt worden. Auch die Stimmung von Frau Inge S. hatte sich schlagartig geändert. Während sie vorher furchtbar böse und wütend war, schien sie nun plötzlich ganz erleichtert und fast fröhlich zu sein.

Ich weiß nicht, warum Frau Inge S. diese Tasche an diesem Abend gesucht hat, denn sie ist ja abends nie ausgegangen. Sie hat mich wegen einer Tasche, die sie gar nicht mehr brauchte, unzählige Male verprügelt.

Es kam sehr oft vor, dass ich völlig grundlos verprügelt wurde. Einmal war z.B. ein Handtuch vom Handtuchhalter gerutscht und lag auf dem Boden. Frau Inge S. glaubte, dass ich das Handtuch absichtlich auf den Boden geworfen hatte und verprügelte mich deshalb.

Als ich acht oder neun Jahre alt war, bin ich an einem Samstag um etwa 10 Uhr zu meiner Freundin Britta gegangen, um mit ihr zu spielen. Frau Inge S. hatte mir gesagt, dass sie an diesem Vormittag einkaufen gehen würde. Nachdem Britta und ich eine Weile in Brittas Zimmer gespielt hatten, kamen wir auf die Idee, zu einem Teich zu gehen und dort die Enten zu füttern. Britta ließ sich von ihrer Großmutter altes Brot geben, und ich sagte, dass ich schnell nach oben gehen, Brot holen und wieder zurückkommen würde. Ich fuhr mit dem Aufzug vom zweiten in den sechsten Stock, schloss mit dem Schlüssel, der an einem Band um meinem Hals hing, die Wohnungstür auf, ging in die Küche und suchte nach altem Brot im Küchenschrank. Plötzlich wurde die Schlafzimmertüre aufgerissen, und Frau Inge S. kam wie eine Furie auf mich zu. Sie riss die Besteckschublade auf und holte den Kochlöffel, während ich auf den Balkon flüchtete. Frau Inge S. rannte hinter mir her und verprügelte mich auf dem Balkon. Ihrem Geschrei konnte ich entnehmen, dass sie mich deshalb verprügelte, weil ich sie aufgeweckt hatte, als ich in der Küche nach dem Brot suchte. Als sie endlich aufhörte, mich zu schlagen, sagte ich schluchzend: "Ich konnte doch nicht wissen, dass du um 11 Uhr schläfst." Das sollte eine Entschuldigung bzw. Erklärung dafür sein, dass ich Frau Inge S. geweckt hatte. Ich wollte ihr nur mitteilen, dass ich nicht gewusst hatte, dass sie um 11 Uhr vormittags schläft, weil sie um diese Uhrzeit sonst nie schlief und weil sie mir gesagt hatte, dass sie einkaufen gehen würde. Ich hatte ja gar nicht gewusst, dass sie zu Hause war. Frau Inge S. hielt meine Entschuldigung bzw. Erklärung für einen Vorwurf. Ich hatte nur gesagt: "Ich konnte doch nicht wissen, dass du um 11 Uhr schläfst." Doch Frau Inge S. verstand diesen Satz völlig anders, nämlich ungefähr so: "Um elf Uhr vormittags schläft man doch nicht!" Das hätte Frau Sophie S. in so einem Fall gesagt, und dann wäre es ja tatsächlich ein Vorwurf gewesen. Doch ich hatte das ganz anders gemeint und wollte mich nur entschuldigen. Für diese Entschuldigung wurde ich dann noch einmal verprügelt. "Du unverschämtes Miststück! Ich kann schlafen, wann ich will!" schrie Frau Inge S..

Normalerweise verprügelte Frau Inge S. mich nicht auf dem Balkon oder außerhalb der Wohnung. Sie gab mir nur einmal vor einem Supermarkt eine Ohrfeige. Aber an diesem Tag, als ich sie aus Versehen geweckt hatte, schien es ihr egal zu sein, ob die Nachbarn etwas hörten, als sie mich auf dem Balkon verprügelte. An einem anderen Tag lag ich laut schluchzend auf dem Boden im Wohnzimmer, nachdem Frau Inge S. mich verprügelt hatte. Da hatte sie wohl Angst, dass die Nachbarn mein Weinen hören konnten und drohte mir: "Wenn du nicht sofort aufhörst zu heulen, schlage ich dir die Nase platt!"

Ich bin an diesem Samstag nicht mehr mit Britta zu dem Teich gegangen, um die Enten zu füttern, sondern lag leise weinend unter meinem Bett. Nachdem ich verprügelt worden war, lag ich entweder unter dem Bett auf dem Fußboden und weinte, oder ich ging auf eine Treppe, die niemand benutzte, weil fast alle Leute, die in diesem Hochhaus wohnten, mit dem Aufzug fuhren. Nur die Leute, die im ersten oder zweiten Stock wohnten, benutzten ab und zu die Treppe. Wenn ich im zehnten Stock auf der Treppe saß und weinte, konnte ich sicher sein, dass niemand vorbeikommen und mich sehen würde.

Als ich neun Jahre alt war, hatte Frau Inge S. eine kurze Zeit lang Kontakt mit einer Kollegin und ihrem Mann. Wir haben dieses nette Ehepaar einmal in Frankfurt besucht. Und als wir zum zweiten Mal dort eingeladen waren, sollte ich eine hellblaue Hose aus einem Synthetikstoff anziehen, die Frau Sophie S. genäht hatte und die einfach nur unmöglich aussah und sich auf der Haut sehr unangenehm anfühlte. Ich war nicht eitel, und es war mir normalerweise egal, welche Kleider ich anhatte. Sonst habe ich mich nie geweigert, etwas anzuziehen, was ich anziehen sollte. Doch an diesem Tag habe ich gesagt, dass ich lieber eine andere Hose anziehen möchte. Das hat ausgereicht, um Frau Inge S. total in Rage zu bringen und mich zu verprügeln. Danach hatte sie so eine schlechte Laune, dass sie nicht mehr nach Frankfurt fahren wollte. Sie wollte das Ehepaar aber auch nicht anrufen, um abzusagen, und sie erlaubte auch mir nicht, dort anzurufen. Ich war verzweifelt, weil ich diese Leute sehr mochte und es unhöflich fand, zum verabredeten Zeitpunkt einfach nicht zu kommen und auch nicht anzurufen, um abzusagen. Deshalb bin ich allein von Eschborn nach Frankfurt gefahren und habe dieses Ehepaar besucht. Ich weiß heute nicht mehr, wie ich erklärt habe, warum ich allein gekommen war. Ich weiß nur noch, dass mir die Unzuverlässigkeit von Frau Inge S. furchtbar peinlich war. Wahrscheinlich habe ich gesagt, dass Frau Inge S. plötzlich krank geworden sei und deshalb nicht kommen konnte. Das nette Ehepaar hat mich an diesem Tag mit dem Auto nach Hause gebracht. Aber dann brach der Kontakt ab. Ich habe nie wieder etwas von diesen Leuten gehört. Wenn Frau Inge S. mal mit jemandem Kontakt hatte, dauerte es nie lange, bis der Kontakt wieder abbrach, weil sie extrem streitsüchtig war. In diesem Fall war es jedoch wohl so, dass dieses Ehepaar es sehr merkwürdig fand, dass eine Mutter ihr neunjähriges Kind allein nach Frankfurt fahren lässt und nicht einmal anruft, um Bescheid zu sagen, dass sie nicht zur verabredeten Zeit kommen kann.

Ich war es gewohnt, allein nach Frankfurt zu fahren, denn das habe ich zum ersten Mal im Alter von sieben Jahren getan. Frau Sophie S. hatte mir an diesem Tag erzählt, dass Herr Gustav S. ein böser Mensch gewesen sei. Da ich wusste, dass Frau Inge S. ihren verstorbenen Vater geradezu vergötterte, war ich so empört darüber, dass Frau Sophie S. ihn als "böse" bezeichnet hatte, dass ich mit meiner Lieblingspuppe namens "Barbara" zum Kronberger Bahnhof rannte und mit dem nächsten Zug nach Frankfurt fuhr, wo Frau Inge S. bei der "Deutschen Bank" als Sekretärin arbeitete. Im Zug versteckte ich mich unter den Sitzen, wobei mein Gesicht ziemlich schmutzig wurde. Vom Frankfurter Hauptbahnhof lief ich quer durch das gefährliche Bahnhofsviertel zur "Deutschen Bank". Zwei nette Pförtner fragten mich nach meinem Namen und wohin ich wollte. Dann riefen sie Frau Inge S. an, die mich kurz darauf abholte. Ich erzählte ihr weinend, was Frau Sophie S. gesagt hatte und war völlig verzweifelt, weil sie Herrn Gustav S. als "böse" bezeichnet hatte. Das erschien mir als ein furchtbarer Verrat. Heute weiß ich, dass Herr Gustav S. nicht nur "böse" war, sondern sogar ein Sadist.

Frau Inge S. machte sich selbst und auch mir oft das Leben schwer, indem sie Probleme, die leicht zu lösen gewesen wären, unnötig komplizierte. So musste ich z.B. bereits im Alter von acht Jahren einmal in der Woche allein mit dem Zug von Kronberg nach Frankfurt fahren, um wegen einer Skoliose zu einer Krankengymnastin in der Schillerstraße zu gehen. Ich musste am Frankfurter Hauptbahnhof aussteigen, zur Straßenbahn gehen und dann zur Hauptwache fahren. Von dort lief ich zur Schillerstraße. Frau Inge S. holte mich nach der Arbeit bei der Krankengymnastin ab. Aber auf dem Weg von Kronberg bis zur Schillerstraße in Frankfurt hätte mir ja etwas passieren können. Für ein achtjähriges Kind ist es viel zu gefährlich, allein in Frankfurt und besonders am Frankfurter Hauptbahnhof herumzulaufen. Ich bin sicher, dass es damals auch in Kronberg oder in Eschborn eine Krankengymnastin gegeben hätte.

In Eschborn war direkt neben dem Hochhaus, in dem wir wohnten, eine Grundschule und auch ein sehr schöner und moderner Kinderhort. Ich wäre sehr gerne in die Eschborner Grundschule gegangen, weil Britta und Isabella in dieser Schule waren. Und ich wäre auch gerne in den Eschborner Kinderhort gegangen, doch das durfte ich nicht. Seit ich sechseinhalb Jahre alt war, musste ich jeden Morgen allein mit dem Zug von Eschborn nach Kronberg fahren. In Kronberg musste ich eine gefährliche Straße überqueren, um zur Grundschule zu kommen. Nach der Schule war ich bei Frau Sophie S.. Um 17 Uhr fuhr ich wieder zurück nach Eschborn und kam um 18 Uhr in der Wohnung von Frau Inge S. an. Frau Inge S. kam normalerweise auch um 18 Uhr nach Hause, aber oft musste sie noch einkaufen gehen und kam dann um 18.30 Uhr nach Hause. Manchmal machte sie auch Überstunden und kam erst um 19 Uhr oder sogar noch später nach Hause. Ich hatte einen Schlüssel und konnte auch dann in die Wohnung, wenn Frau Inge S. später kam.

Seit ich acht Jahre alt war, konnte ich sehr gut aufräumen. Oft habe ich die ganze Wohnung aufgeräumt, wenn Frau Inge S. Überstunden machen musste. Darüber schien sie sich ein bisschen zu freuen, wenn sie nach Hause kam, doch oft verprügelte sie mich am späteren Abend trotzdem noch und warf mich aus der Wohnung, wenn ich bei den Hausaufgaben Fehler machte. Es nützte mir überhaupt nichts, wenn ich versuchte, Frau Inge S. so viel wie möglich zu helfen. Verprügelt wurde ich trotzdem immer wieder. Erst als ich 13 Jahre alt war, begriff ich, dass es völlig gleichgültig war, wie ich mich verhielt und dass ich sowieso verprügelt wurde. Als mir das klar wurde, fing ich an, Frau Inge S. zu hassen.

Es wäre aus zwei Gründen wesentlich besser für mich gewesen, in Eschborn zur Schule und in den Kinderhort zu gehen: Erstens wäre ich nicht mehr ständig diesem Krieg zwischen Frau Inge S. und Frau Sophie S. ausgesetzt gewesen, der trotz unseres Umzugs immer weiterging. Und zweitens hätte ich im Kinderhort nachmittags meine Hausaufgaben machen können und hätte eine Hausaufgabenbetreuung gehabt. Doch Frau Inge S. war davon überzeugt, dass nur sie allein dazu fähig wäre, mit mir Hausaufgaben zu machen. Am Nachmittag durfte ich die Hausaufgaben nicht allein machen, denn dann wären sie nicht perfekt genug gewesen. Und auch Frau Sophie S. war angeblich nicht dazu fähig, mir bei den Hausaufgaben zu helfen. Doch Frau Sophie S. konnte rechnen und war auch keine Analphabetin. Sie wäre durchaus dazu in der Lage gewesen, einem Grundschulkind bei den Hausaufgaben zu helfen und diese zu kontrollieren. Doch das durfte sie nicht. Auch da machte Frau Inge S. alles wieder sehr kompliziert. Wenn sie zwischen 18 und 19 Uhr nach Hause kam, mussten wir erst etwas essen. Deshalb konnten wir frühestens um 19 Uhr anfangen, Hausaufgaben zu machen. Oft fingen wir damit aber erst um 20 Uhr an, und da war ich natürlich schon sehr müde. Andere Kinder in meinem Alter gingen um diese Zeit ins Bett.

Wenn Frau Inge S. nach der Arbeit nach Hause kam, war sie immer sehr nervös und ungeduldig, weil sie den ganzen Tag Stress und oft auch Streit mit den Kollegen gehabt hatte. Und wenn dann bei den Hausaufgaben etwas nicht so klappte, wie sie sich das vorstellte, drehte sie total durch, verprügelte mich und warf mich aus der Wohnung.

Frau Inge S. war krankhaft ehrgeizig. Sie erzählte mir oft, dass sie einem Kollegen oder einer Kollegin "die Courage abgekauft" hatte. Und auch ich sollte anderen Kindern "die Courage abkaufen" und alles besser können. Das habe ich nie verstanden, denn es klang immer so, als sollte ich die anderen Kinder hassen. Das wollte ich aber nicht, denn ich mochte meine Spielkameradinnen Britta und Isabella sehr und wollte friedlich mit ihnen spielen. Ich war nicht ehrgeizig und hatte überhaupt keine Lust auf Konkurrenzkämpfe.

Als ich zehn oder elf Jahre alt war, wollte Frau Inge S. mich dazu bringen, dass ich mich mehr anstrengte und besser in der Schule aufpasste. Deshalb versuchte sie, mir Angst zu machen und sagte, dass meine Freundinnen Britta und Isabella später nichts mehr mit mir zu tun haben wollen, wenn ich kein Abitur mache.

Als ich acht Jahre alt war, verbot Frau Inge S. mir, mit anderen Kindern "Mensch ärgere dich nicht" zu spielen, weil ich bei diesem Spiel nichts lernen konnte. Sie selbst spielte niemals mit mir, auch nicht am Wochenende.

Als ich neun Jahre alt war, machte ich einmal mit Isabella aus Spaß "Ringkämpfe" auf der Wiese vor dem Haus. Wer sich auf den Bauch des Gegners setzen und seine Arme dreißig Sekunden lang festhalten konnte, hatte gewonnen. Meistens war es Isabella, die auf meinem Bauch saß, meine Arme festhielt und bis dreißig zählte. Dann jubelte sie, weil sie gewonnen hatte. Ich gewann nur selten, weil ich sehr dünn war und zehn Kilo weniger wog als Isabella. Deshalb hatte ich natürlich auch weniger Kraft. Ich fand es nicht schlimm, dass ich fast jeden Ringkampf verlor, weil diese Rauferei mir trotzdem Spaß machte. Ich hatte keine Ahnung, dass Frau Inge S. die ganze Zeit auf dem Balkon stand und uns beobachtete. Als ich nach dem Spielen wieder nach Hause kam, empfing sie mich mit einem sehr unfreundlichen Blick. Sie schimpfte mit mir, weil ich so oft verloren hatte, ohne zu bedenken, dass ich ja viel weniger wog als Isabella und deshalb natürlich auch weniger Kraft hatte. Selbst eine lustige Rauferei war für Frau Inge S. eine todernste Angelegenheit.

Der krankhafte Ehrgeiz von Frau Inge S. machte sich bereits bemerkbar, als ich im Alter von fünf Jahren Rollschuhe bekam. Frau Inge S. schnallte mir die Rollschuhe an die Füße und erwartete, dass ich sofort Rollschuhlaufen konnte. Da das aber nicht sofort klappte, schrie sie mich immer wieder an.

Als ich sechs Jahre alt war, ging Frau Inge S. eines Tages mit mir ins Kronberger Waldschwimmbad, um mir den Kopfsprung beizubringen. Als die ersten Versuche misslangen, schrie sie mich so laut an, dass alle Leute darauf aufmerksam wurden und uns ansahen. Das war mir sehr peinlich, und ich fühlte mich noch mehr unter Druck gesetzt, weil mich so viele Leute beobachteten. Ich war sehr nervös und hatte Angst. Unter diesen Umständen war es fast unmöglich, einen Kopfsprung zu lernen. Ich fing an zu weinen, doch Frau Inge S. hatte kein Mitleid. "Muss ich es dir erst vormachen?" schrie sie und sprang dann in ihrem rosa - weiß karierten Bikini mit einem Kopfsprung ins Wasser. Es wäre ihr wahrscheinlich lieber gewesen, wenn sie das nicht hätte tun müssen, denn sie war damals schon 39 Jahre alt, und es war im Sommer des Jahres 1969 nicht üblich, dass Frauen in diesem Alter im Schwimmbad Kopfsprünge machten.

Seit ich sechs Jahre alt war, konnte ich den Kopfsprung vom Rand und vom Einmeterbrett. Als ich acht Jahre alt war, ging Frau Inge S. mit mir ins Eschborner Hallenbad, weil sie der Meinung war, dass es nun an der Zeit wäre, dass ich den Kopfsprung vom Dreimeterbrett lerne. Der Bademeister war dabei und gab mir Anweisungen. Ich konnte zwar schon vom Dreimeterbrett springen, aber nur mit den Füßen zuerst. Nun sollte ich einen Kopfsprung von dort oben machen. Es kam mir wahnsinnig hoch vor, und ich hatte Angst. Ich stand lange auf dem Sprungbrett und traute mich nicht, zu springen. Als ich dann schließlich doch sprang, landete ich auf dem Bauch, was sehr schmerzhaft war, aber ich musste noch mehrmals springen, bis ich es wirklich konnte. Zwei Jahre später war ich das einzige Mädchen in meiner Klasse, das einen Kopfsprung vom Dreimeterbrett machen konnte.

Auch meine Hausaufgaben mussten immer perfekt sein. In der Grundschule hatte ich große Probleme damit, schön zu schreiben, weil ich eigentlich Linkshänderin bin, aber mit der rechten Hand schreiben musste. Frau Inge S. wurde oft sehr böse, weil meine Schrift nicht schön genug war. Ich konnte nur dann schön schreiben, wenn ich extrem langsam schrieb. Deshalb dauerte es immer eine Ewigkeit, bis meine Hausaufgaben fertig waren.

Abends nach 19 Uhr war ich natürlich schon müde und konnte mich nicht mehr so gut konzentrieren. Wenn ich einen Fehler machte, wurde entweder die ganze Seite herausgerissen, und ich musste alles nochmal schreiben, oder wenn es schon 22 Uhr oder noch später war, holte Frau Inge S. eine Rasierklinge und kratzte damit den falschen Buchstaben bzw. das falsche Wort weg. An der Stelle, wo sie mit der Rasierklinge kratzte, wurde das Blatt dünner und war dann porös wie ein Löschblatt, so dass die Buchstaben viel dicker wurden als sonst, wenn ich mit dem Füller auf dieser Stelle schrieb. Das sah nicht schön aus, und deshalb konnte Frau Inge S. nicht mehrere Fehler auf einer Seite wegkratzen, sondern höchstens einen. Wenn ich mehr als einen Fehler machte, riss sie entweder das Blatt raus, oder sie bekam einen Wutausbruch, verprügelte mich und warf mich aus der Wohnung. Erst als ich in der fünften Klasse war, gab es glücklicherweise die Tintenlöschstifte. Dadurch wurde es leichter, die Hausaufgaben zu machen. Verprügelt und rausgeschmissen wurde ich dann aber nicht seltener, sondern immer häufiger. Frau Inge S. fand immer irgendeinen Grund, um mich zu verprügeln und aus der Wohnung zu werfen.

Ich kann heute noch immer kein mit der Hand beschriebenes Papier in der Wohnung ertragen.

In der dritten Klasse war ich acht Jahre alt und musste die ersten Aufsätze schreiben. Das dauerte bis 22 oder 23 Uhr. Meine Aufsätze waren immer sehr viel länger als die der anderen Kinder. Wenn meine Schulfreundin Anja eine Seite geschrieben hatte, war mein Aufsatz fünf oder sechs Seiten lang.

Zuerst wurde der Aufsatz vorgeschrieben, wobei Frau Inge S. die ganze Zeit neben mir saß und fast alles diktierte. Manchmal schrieb sie es auch selbst. Dann musste ich diesen Aufsatz in schöner Schrift ins Heft abschreiben. Das war sehr schwer, weil ich meistens so müde war, dass ich kaum noch die Augen offenhalten konnte. Wenn ich dann Fehler machte, verlor Frau Inge S. total die Nerven, verprügelte mich und warf mich aus der Wohnung. Die Schultasche warf sie mir noch hinterher, aber meistens keine Jacke, so dass ich erbärmlich fror, wenn ich zwischen 21 und 23 Uhr am Eschborner Bahnhof auf den Zug wartete, um zu Frau Sophie S. nach Kronberg zu fahren. Der Eschborner Bahnhof war damals sehr dunkel, und kein einziges Haus war in der Nähe. Die Züge fuhren stündlich, und oft war ich viel zu früh am Bahnhof und musste noch lange warten. Dann habe ich mich vor lauter Angst im Gebüsch verkrochen, denn ich war allein an diesem dunklen Bahnhof, und Frau Inge S. hatte mir von einem Mörder erzählt, der Kinder in kleine Stücke schnitt. Ich hatte große Angst, auch in kleine Stücke geschnitten zu werden.

Frau Inge S. sah nicht auf die Uhr, bevor sie mich verprügelte und rauswarf, sondern sie tat das genau dann, wenn sie ihren Wutausbruch bekam. Im schlimmsten Fall kam ich kurz nach der Abfahrt des Zuges am Eschborner Bahnhof an und musste dann fast eine Stunde lang im Gebüsch auf den nächsten Zug warten. Im Zug habe ich mich unter den Sitzen versteckt, weil die Züge um diese Uhrzeit leer und sehr unheimlich waren.

Zu meinem neunten Geburtstag bekam ich eine Armbanduhr und konnte seitdem auf der Treppe im 10. Stock warten, bis es 21.30 Uhr oder 22.30 Uhr war. Dann ging ich los, denn der Zug fuhr um 21.38 Uhr bzw. um 22.38 Uhr, und ich brauchte fünf Minuten, um zum Bahnhof zu gehen.

Es war schlimm, auf dieser Treppe zu warten, denn es war kalt und unheimlich. Das Licht ging nach ca. zwei Minuten aus, und ich musste immer wieder aufstehen und zum Lichtschalter gehen, um es wieder einzuschalten. Das war jedoch lange nicht so schlimm, wie am Bahnhof im Gebüsch auf den Zug zu warten, denn dort war es immer dunkel.

Als ich erwachsen war, erzählte mir Frau Sophie S., dass ich im Alter von neun Jahren einmal sogar mit dem letzten Zug bei ihr angekommen war. Der letzte Zug fuhr um 23.38 Uhr. Das bedeutet, dass ich kurz nach Mitternacht bei Frau Sophie S. angekommen bin.

Wenn ich abends so spät bei Frau Sophie S. klingelte, sah sie oben im zweiten Stock aus dem Fenster und fragte: "Was? Du schon wieder?" Sie war meistens schon im Nachthemd und musste dann einen Morgenmantel anziehen und nach unten kommen, um die Haustüre aufzuschließen, die abends um 22 Uhr abgeschlossen wurde. Als wir oben in der Wohnung ankamen, tröstete Frau Sophie S. mich nicht, obwohl ich weinte. Sie rief Frau Inge S. an und fragte: "Warum hast du sie schon wieder rausgeschmissen?" Ich konnte durch den Hörer, den Frau Sophie S. am Ohr hielt, hören, dass Frau Inge S. irgend etwas in den Hörer brüllte und dann auflegte. Dann legte auch Frau Sophie S. den Hörer auf und sagte zu mir: "Immer habe ich Ärger mit euch!" oder "Bestimmt warst du mal wieder ungezogen!" Dann ging ich ins Bett und am nächsten Morgen in die Schule, so als ob nichts geschehen wäre.

Als ich neun Jahre alt und in der vierten Klasse war, passierte es besonders oft, dass ich verprügelt und rausgeschmissen wurde. Meiner Grundschullehrerin fiel auf, dass ich oft übermüdet war und einen verstörten Eindruck machte. Ich konnte mich nicht konzentrieren und war sehr unaufmerksam. Im Zeugnis des ersten Halbjahres bekam ich eine Vier in "Aufmerksamkeit". Das war die schlechteste Note bei den "Kopfnoten". Fünfen und Sechsen gab es bei den Kopfnoten nicht.

Meine Lehrerin war besorgt und sprach mehrmals mit Frau Inge S. über meine Unaufmerksamkeit. Frau Inge S. erklärte mein Verhalten damit, dass Frau Sophie S. sehr streng mit mir sei. (Das erzählte mir meine Grundschullehrerin, als ich erwachsen war.)

Als ich neun Jahre alt war, gab meine Lehrerin Frau Inge S. den Rat, mit mir zu einer Kinderpsychologin zu gehen. Diesen Rat befolgte Frau Inge S., weil sie wegen ihres irrsinnigen Ehrgeizes den dringenden Wunsch hatte, dass ich nach der 4. Klasse ins Gymnasium kommen sollte, was meine Grundschullehrerin wegen meiner Unaufmerksamkeit nicht befürworten konnte.

Frau Inge S. ging mit mir zu einer Kinderpsychologin in Schwalbach. Zuerst war ich mit ihr und der Psychologin in einem Raum. Frau Inge S. erzählte, welche Schwierigkeiten sie mit mir hatte und dass ich in der Schule faul und unaufmerksam sei. Schließlich sagte die Psychologin, dass sie gerne mit mir allein sprechen würde. Das war Frau Inge S. gar nicht recht. "Muss das denn sein?" fragte sie. Nach einer längeren Diskussion war sie dann doch damit einverstanden, dass die Psychologin mit mir in einen anderen Raum ging. Dort stellte sie mir einige Fragen. Ich weiß nur noch, dass ich plötzlich anfing zu weinen und sagte: "Meine Mami haut mich immer mit dem Kochlöffel!"

Dann ging die Psychologin wieder zurück in das andere Zimmer, während ich draußen bleiben musste. Ich lauschte an der Tür und hörte, dass die Psychologin zu Frau Inge S. sagte: "Sie dürfen Ihre Tochter auch nicht schlagen!" Leider hat diese Kinderpsychologin nicht das Jugendamt benachrichtigt.

Direkt nach dem Gespräch mit der Psychologin fuhren wir nach Kronberg und besuchten Frau Sophie S.. Als wir dort ankamen, sprachen Frau Inge S. und Frau Sophie S. über den Termin bei dieser Psychologin, und Frau Inge S. sagte, dass sie dort nicht mehr hingehen würde. Und dann fügte sie noch hinzu: "Ich halte nichts von antiautoritärer Erziehung!"

Ich wusste im Alter von neun Jahren bereits, was "antiautoritäre Erziehung" war, weil meine Spielkameradin Isabella mir erzählt hatte, dass sie antiautoritär erzogen wurde.

Als ich 18 Jahre alt war, traf ich Isabella nach längerer Zeit zufällig auf der Straße. Sie sagte mir, dass sie es früher so furchtbar fand, was sie aus unserer Wohnung hörte. Und dann sagte Isabella wörtlich:

"Manchmal hatte ich Angst, sie schlägt dich tot!"

Auch ich hatte oft eine Todesangst, denn wenn Frau Inge S. einen Wutausbruch bekam und mit wutverzerrtem Gesicht auf mich zu kam, sah sie so aus, als wollte sie mich umbringen.

Frau Inge S. wurde von Jahr zu Jahr brutaler und bösartiger. Einmal schleifte sie mich an den Haaren durch das Wohnzimmer und riss mir dabei ganze Haarbüschel aus. Hinterher lagen braune Haarbüschel auf dem sehr hellen Teppich.

Nachdem Frau Inge S. mich an den Haaren durch das Wohnzimmer geschleift hatte, lag ich weinend auf dem Boden. Dann trat sie mich und sagte: "Du bist es nicht wert, dass man dich anspuckt!" Und obwohl sie der Meinung war, dass ich es nicht wert bin, angespuckt zu werden, tat sie genau das im nächsten Augenblick.

Als ich in der Grundschule war, verprügelte Frau Inge S. mich hauptsächlich mit Kochlöffeln und Kleiderbügeln. Als ich acht Jahre alt war, nahm sie auch einmal meine Lieblingspuppe Barbara, um mich zu verprügeln. Danach war Barbara kaputt, und ich war sehr verzweifelt.

Als ich in der Grundschule war, litt ich sehr oft unter Bauchschmerzen, aber niemand machte sich Gedanken darüber, woher diese Bauchschmerzen kamen. Als ich zehn Jahre alt war, fing ich an, an den Fingernägeln zu kauen. Auch darüber machte sich niemand Gedanken.

Kurz nach meinem 10. Geburtstag kam ich ins Gymnasium. Da ich mich immer noch nicht konzentrieren konnte, hatte ich keine guten Noten. Seit ich im Gymnasium war, wurde alles noch schlimmer. Frau Inge S. schlug mich nun auch mit Holzschuhen (Clogs), mit einem Kerzenständer aus Eisen, mit einem Schrubber oder mit einem großen Buch, das so groß war wie ein Schulatlas, aber noch etwas dicker. Eine Ecke dieses schweren Buches traf mich an der Augenbraue, wo ich dann blutete. Diese Ecke hätte mich auch ins Auge treffen können, und dann wäre ich vielleicht auf einem Auge blind gewesen.

Frau Inge S. war während ihrer Wutausbrüche völlig unberechenbar. Einmal wollte sie mir sogar eine volle Bierflasche auf den Kopf schlagen, und einmal schlug sie mir einen Kerzenständer aus Eisen auf den Kopf, wodurch ich eine große Beule bekam. Wenn sie einen Wutausbruch hatte, rannte sie nicht mehr in die Küche, um den Kochlöffel zu holen, sondern nahm den nächsten Gegenstand, den sie erreichen konnte, um mich zu schlagen oder um damit nach mir zu werfen. Oft saß ich auf dem Bett, wenn sie Sachen nach mir warf. Ich duckte mich und hielt die Hände schützend über meinen Kopf. In der Rauhfasertapete hinter meinem Bett waren viele Vertiefungen, die durch Wurfgeschosse, wie z.B. Bücher, Kochtöpfe oder einen Wecker entstanden waren.

Als ich 10 Jahre alt war, schlug Frau Inge S. mir einmal einen Holzschuh so fest auf den Ellenbogen, dass ich meinen Arm tagelang kaum noch bewegen konnte, weil ich so schlimme Schmerzen hatte. Kurz nachdem sie mir auf den Ellenbogen geschlagen hatte, konnte ich aus der Wohnung flüchten. (Seit ich neun oder zehn Jahre alt war, gelang es mir manchmal, aus der Wohnung zu flüchten, wenn die Wohnungstür nicht abgeschlossen war.) Ich rannte zur Treppe, und Frau Inge S. rannte hinter mir her, was vorher noch nie passiert war. Auch danach ist es nie wieder vorgekommen, dass sie mich außerhalb der Wohnung verfolgte. Aber an diesem Tag rannte sie hinter mir die Treppe herunter - vom sechsten Stock bis ins Erdgeschoss. Ich rannte aus dem Haus und über die Wiese. Frau Inge S. verfolgte mich immer noch und rannte sogar außerhalb des Hauses hinter mir her, obwohl die Leute aus zwei Hochhäusern dabei hätten zusehen können, falls sie gerade aus dem Fenster geguckt hätten oder auf dem Balkon gewesen wären. (Diesmal war ich nicht am Abend verprügelt worden, sondern tagsüber. Es war also hell, und die Nachbarn hätten sehen können, dass Frau Inge S. hinter mir her rannte. Das wäre ihr normalerweise peinlich gewesen. Sie wirkte sonst sehr vornehm und war immer schick angezogen.) Ich rannte bis zu dem Zaun, der das Grundstück, das zu dem Hochhaus gehörte, von den Bahngleisen trennte. Da ich schneller rennen konnte und einen kleinen Vorsprung hatte, schaffte ich es, über diesen Zaun zu klettern, bevor Frau Inge S. dort ankam. Der Zaun war größer als ich, und deshalb musste ich mich mit beiden Armen am oberen Ende des Zauns festhalten, während ich mit den Schuhen versuchte, in dem Maschendraht einen Halt zu finden. Als ich mich an dem Zaun festhielt und mich ein Stück daran hochziehen musste, spürte ich einen heftigen Schmerz im Arm, doch mir blieb ja nichts anderes übrig, als über diesen Zaun zu klettern, weil ich Angst hatte, Frau Inge S. würde mich sonst totschlagen. Dass sie das in der Öffentlichkeit wohl nicht getan hätte, wusste ich damals nicht. Ich hatte einfach nur große Angst und kletterte deshalb über diesen Zaun. Dann rannte ich an den Bahngleisen entlang in Richtung Bahnhof. Frau Inge S. konnte nicht über diesen Zaun klettern, aber ich hatte Angst, dass sie zur Straße laufen und mich dann bis zum Bahnhof verfolgen würde. Das tat sie jedoch nicht, und ich fuhr mit dem nächsten Zug nach Kronberg zu Frau Sophie S..

Nachdem Frau Inge S. mir den Holzschuh auf den Ellenbogen geschlagen hatte, konnte ich tagelang in der Schule mit der rechten Hand nicht gut schreiben, weil ich Schmerzen im Arm hatte. Da ich mir den rechten Arm etwa ein Jahr vorher angebrochen hatte, weil ich beim Rollschuhlaufen gestürzt war, befürchtete Frau Sophie S., dass mein Arm wieder gebrochen sein könnte, denn auch damals hatte ich nicht mehr mit der rechten Hand schreiben können und musste deshalb zum Röntgen in die Frankfurter Uni - Klinik.

Frau Sophie S. rief Frau Inge S. an und sagte ihr, dass sie mit mir zum Röntgen gehen müsse, was sie dann auch tat. Wir fuhren wieder nach Frankfurt zur Uni - Klinik, wo ich auch wegen meines gebrochenen Arms behandelt worden war. Als wir bei der Uni - Klinik ankamen und noch ein Stück über das Gelände der Klinik bis zu einem ehemaligen Bunker laufen mussten, sagte Frau Inge S. zu mir: "Wir sagen aber nicht, wie es passiert ist!"

Frau Inge S. erzählte dem Arzt, ich sei "mit den Rollschuhen gegen eine Mauer gefahren". Das erschien ihr wohl plausibel, weil ich dort ja schon einmal wegen eines Unfalls mit den Rollschuhen in Behandlung gewesen war. Dann wurde eine Röntgenaufnahme gemacht. Es war nichts gebrochen. Es war nur eine Prellung, aber die war sehr schmerzhaft.

Wenn Frau Inge S. mich rausgeschmissen hatte (bzw. wenn ich nach Kronberg geflüchtet war, was nach dem 10. Lebensjahr auch oft vorkam), rief sie meistens ein paar Tage später bei Frau Sophie S. an und sagte, dass ich wieder zurückkommen soll. Sie müsse mit mir Hausaufgaben machen. Und Frau Sophie S. schickte mich immer wieder zu ihr zurück, statt beim Jugendamt zu beantragen, dass ich bei ihr bleiben kann, damit ich nicht mehr länger gequält werde.

Wenn ich ein paar Tage bei Frau Sophie S. bleiben konnte, war ich zwar sehr froh darüber, denn dort wurde ich nicht verprügelt und rausgeschmissen, aber im Alter von sieben bis neun Jahren habe ich meine Lieblingspuppe, meinen Löwen aus Stoff, den mir Isabella geschenkt hatte, und vor allen Dingen meinen Kanarienvogel, der ganz zahm war, sehr vermisst.

Im Alter von sechs bis zwölf Jahren betete ich jeden Abend, wenn ich ins Bett ging:

Müde bin ich, geh’ zur Ruh’,

schließe meine Augen zu.

Vater, lass die Augen dein

über meinem Bette sein.

Hab’ ich Unrecht heut’ getan,

sieh es, lieber Gott, nicht an.

Vater, hab’ mit mir Geduld

und vergib mir meine Schuld.

Amen

Bitte, lieber Gott, mach’, dass meine Mami mich nie mehr haut!

Amen

Im Alter von 13 Jahren hörte ich auf, zu beten, weil ich dann wusste, dass es keinen Sinn hatte.

Als ich neun Jahre alt war, glaubte ich, dass Wissenschaftler Frau Inge S. dazu gezwungen hatten, mich zu schlagen, was sie in Wirklichkeit gar nicht wollte. Ich dachte, dass die Wissenschaftler herausfinden wollten, wie ich mich verhalte, wenn ich geschlagen werde.

Zwischen meinem 8. und 15. Lebensjahr wurde ich nicht nur sehr oft am späten Abend verprügelt und rausgeschmissen, sondern auch an den Wochenenden. Wenn Frau Inge S. mich z.B. an einem Sonntag um 10 Uhr morgens rauswarf, musste ich zwar keine Angst haben, weil es draußen nicht dunkel war, aber dafür hatte ich dann das Problem, dass Frau Sophie S. meistens nicht zu Hause war, wenn ich dort ankam. Sie war fast jedes Wochenende bei ihrer anderen Tochter in Frankfurt, mit der sie sich im Gegensatz zu Frau Inge S. sehr gut verstand. Normalerweise fuhr Frau Sophie S. am Sonntagabend wieder nach Hause, doch es kam auch vor, dass sie in der Nacht zwischen Sonntag und Montag im Gästezimmer ihrer Tochter übernachtete, um am Montag in Frankfurt in den großen Kaufhäusern Sachen einzukaufen, die es in Kronberg nicht gab oder die dort sehr viel teurer waren.

Wenn ich an einem Sonntagmorgen verprügelt und rausgeworfen wurde, hatte ich den ganzen Tag nichts zu essen, weil Frau Sophie S. nicht zu Hause war und erst abends zwischen 20 und 21 Uhr nach Hause kam. Im Frühling, Sommer und Herbst konnte ich zu den "Kronthaler Quellen" gehen, um dort etwas zu trinken. Die "Kronthaler Quellen" waren etwa drei Kilometer entfernt von dem Haus, in dem Frau Sophie S. wohnte. Der Weg dorthin führte durch Felder und Streuobstwiesen. Es war eine sehr einsame Gegend. Das letzte Stück des Weges war besonders unheimlich, denn dort gab es nur Bäume, Büsche und ein verlassenes Haus ohne Fensterscheiben.

Im Winter ging ich nicht zu den "Kronthaler Quellen", denn dann war das Wasser abgestellt. Das bedeutete, dass ich den ganzen Tag weder etwas essen noch trinken konnte, wenn ich auf Frau Sophie S. wartete. Da die Haustür manchmal nur angelehnt war, weil sie nur dann richtig schloss, wenn man fest daran zog, konnte ich manchmal sofort ins Haus, wenn ich dort ankam. Wenn die Tür jedoch geschlossen war, wartete ich oft sehr lange vor dem Haus, bis jemand aus dem Haus kam oder ins Haus ging und die Haustüre geöffnet wurde. Dann konnte ich hineingehen. Frau Sophie S. wohnte im obersten Stockwerk. Von dort führte eine Treppe zum Dachboden. Die Tür zum Dachboden war normalerweise abgeschlossen. Vor dieser Tür saß ich oft stundenlang und wartete auf Frau Sophie S. Ich hatte Hunger und Durst und wusste nicht, ob sie überhaupt an diesem Abend nach Hause kommen würde. Wenn sie um 20 Uhr noch nicht da war, war mir klar, dass sie wahrscheinlich in Frankfurt übernachten würde. Dann blieb mir nichts anderes übrig, als bei den Nachbarn zu klingeln und zu fragen, ob ich Frau Sophie S. in Frankfurt anrufen darf.

Es war für mich extrem schwer, bei Nachbarn zu klingeln, weil ich ein sehr schüchternes Kind war. Wenn Frau Inge S. den Schlüssel in der Wohnung vergaß, schickte sie mich zu dem Hausmeister, der dann unsere Türe aufbrechen musste. Es war schrecklich für mich, bei dem Hausmeister zu klingeln und ihn zu bitten, uns zu helfen. Aus irgendeinem Grund hatte ich eine fast panische Angst, bei Nachbarn zu klingeln und sie um etwas zu bitten. Das lag wahrscheinlich daran, dass Frau Inge S. mir oft eingetrichtert hatte, niemanden zu belästigen. Auch bei Britta und Isabella sollte ich nicht zu lange bleiben, um den Leuten nicht "zur Last zu fallen". Britta und Isabella durften nie in unsere Wohnung kommen, um mit mir zu spielen. Und wenn sie mich zum Spielen abholen wollten, mussten sie vor der Wohnungstür stehenbleiben und dort warten, bis ich angezogen war. Sie durften nicht einmal ein oder zwei Minuten lang in unsere Wohnung kommen.

Wenn ich bei den Nachbarn von Frau Sophie S. klingeln musste, um zu fragen, ob ich telefonieren darf, bin ich auch jedesmal vor Angst fast gestorben. Als ich an einem Sonntagabend mit Frau Sophie S. telefonierte und sie darum bat, nach Hause zu kommen, schimpfte sie am Telefon, weil sie gerade im Fernsehen einen Film sah, den sie nun unterbrechen musste, um nach Kronberg zu fahren.

Immer wieder stand ich vor verschlossenen Türen. Ich hatte nie das Gefühl, irgendwo hinzugehören. Ich habe sehr oft zu spüren bekommen, dass ich unerwünscht war.

Die Nachbarn von Frau Sophie S. schienen sich nicht darüber zu wundern, wenn ich abends bei ihnen klingelte und fragte, ob ich meine Großmutter anrufen darf. Ich würde ein Kind in so einem Fall fragen: "Warum bist du denn hier und nicht bei deiner Mutter?" Und am nächsten Morgen würde ich sofort beim Jugendamt anrufen! Doch die Nachbarn von Frau Sophie S. kamen nicht auf diese Idee, obwohl es jahrelang sehr häufig vorkam, dass ich am Abend bei ihnen klingelte.

Frau Inge S. wusste genau, dass Frau Sophie S. fast jedes Wochenende in Frankfurt war und dass ich stundenlang in Kronberg auf sie warten musste. Das war ihr völlig egal. Und Frau Sophie S. kam auch nicht auf die Idee, mir einen Schlüssel für ihre Wohnung zu geben, damit ich in die Wohnung konnte, wenn ich rausgeworfen wurde.

Ich wäre nie auf die Idee gekommen, nach Frankfurt zu fahren, wenn ich am Wochenende rausgeschmissen wurde, obwohl ich wusste, wo meine Tante wohnte. Da Frau Inge S. und ihre Schwester sich hassten, konnte ich dort nicht hinfahren. Ich hätte sonst einen riesengroßen Ärger mit Frau Inge S. bekommen. Außerdem war diese Tante immer sehr unfreundlich zu mir, wenn ich sie am Geburtstag meines Cousins und am Geburtstag von Frau Sophie S. sah. Auch deshalb habe ich nicht das geringste Bedürfnis verspürt, zu meiner Tante zu fahren, wenn ich am Wochenende rausgeschmissen wurde. Ich wusste, dass ich bei meiner Tante unerwünscht war. Sie war für mich ein völlig fremder Mensch. Ich hatte überhaupt nicht das Gefühl, mit ihr verwandt zu sein. Und ich hatte auch nicht das Gefühl, mit Frau Inge S. und Frau Sophie S. verwandt zu sein. Alle Menschen waren mir fremd, und das ist bis heute so geblieben.

Ich war schon im Alter von zehn Jahren so verzweifelt, dass ich manchmal daran dachte, von dem Balkon im 10. Stock des Hochhauses, in dem wir wohnten, zu springen. Dort war an meinem 8. Geburtstag eine ältere Frau heruntergesprungen. Sie war auf dem Vordach über dem Eingang des Hauses aufgekommen und dann gestorben. Frau Inge S. hatte mir damals erzählt, dass diese alte Dame bei ihrer Tochter zu Besuch gewesen sei, wo sie aber nicht mehr länger bleiben konnte. Deshalb habe sie sich sehr einsam und verlassen gefühlt und wollte nicht mehr leben. Sie nahm einen Schemel und brachte ihn auf den Balkon im 10. Stock. Diesen Schemel brauchte sie, um über die Balkonbrüstung klettern zu können. Als ich mir vorstellte, wie diese arme Frau den Schemel in den 10. Stock brachte, um dort herunterzuspringen, weil sie so einsam war, musste ich fürchterlich weinen. Getröstet wurde ich natürlich nicht. Ich war immer allein, wenn es mir schlecht ging.

Schlimm war, dass auch Frau Inge S. manchmal drohte, vom Balkon zu springen. "Ich springe gleich da runter!" schrie sie dann und zeigte in Richtung des Balkons unserer Wohnung. Da wir im sechsten Stock wohnten, hatte ich immer eine furchtbare Angst, wenn sie das sagte.

Als ich elf Jahre alt war, fing ich an, mich wie ein Kleinkind zu benehmen. Ich spielte immer noch stundenlang mit meinen Puppen und kaufte mir von dem Geld, das ich ab und zu von den Kundinnen von Frau Sophie S., die Schneiderin war, geschenkt bekam, einen großen Stoffhasen, den ich "Prinz Hoppel" nannte. Diesen Hasen legte ich in einen Puppenwagen, der relativ groß war und den ich beim Sperrmüll gefunden hatte, und fuhr ihn spazieren. Der Wagen war dunkelrot, und ich schrieb mit einem weißen Wachsmalstift in großen Buchstaben "Prinz Hoppel" auf diesen Puppenwagen. Als ich mit dem Puppenwagen aus dem Haus kam, lachten Isabella und ein paar andere Kinder mich natürlich aus. Isabella nahm "Prinz Hoppel" aus dem Wagen und drückte mit beiden Händen auf seinen Bauch. Sie wollte testen, ob er einen Ton von sich gab, wenn man auf seinen Bauch drückte. Das tat er jedoch nicht, und deshalb drückte sie immer fester. Ich fing an zu weinen und war völlig verzweifelt, weil ich mir einbildete, dass Isabella meinem Hasen wehgetan hatte. Für mich war er nicht einfach nur ein Stofftier.

Es kam auch immer wieder vor, dass Frau Inge S. mich für eine längere Zeit loswerden wollte. Dann verprügelte sie mich, warf meine Kleider aus dem Schrank und schrie, dass ich meine Sachen packen und verschwinden sollte. Einmal warf sie meine Kleider sogar aus dem Fenster. Die Mutter von Britta, die im zweiten Stock wohnte, wunderte sich sehr, als sie aus dem Fenster sah und lauter Kleider vorbeiflogen, die unten auf der Wiese landeten. Kurz darauf sah sie, dass ich nach unten gekommen war, um die Kleider wieder aufzusammeln. Brittas Mutter zweifelte keine Sekunde daran, dass Frau Inge S. diese Kleider aus dem Fenster geworfen hatte. Sie kam gar nicht auf die Idee, dass ich das gemacht haben könnte. Die meisten Leute in diesem Hochhaus wussten, dass Frau Inge S. verrückt war. Und die meisten Leute wussten auch, dass ich verprügelt und aus der Wohnung rausgeworfen wurde, doch niemand hat mir geholfen.

Wenn Frau Inge S. mich für eine längere Zeit loswerden wollte, versuchte ich, möglichst viele meiner Sachen mit nach Kronberg zu nehmen. Während der Schulferien musste Frau Inge S. keine Hausaufgaben mit mir machen, und ich war froh, dass ich dann bei Frau Sophie S. sein durfte. Die Ferien waren die einzige Zeit in meinem Leben, in der ich nicht ständig Angst vor dem nächsten Wutausbruch von Frau Inge S. haben musste. Sehr schlimm war jedoch immer der "Umzug" von Eschborn nach Kronberg und das, was davor passierte. Statt mir einfach zu sagen, dass ich während der Ferien bei Frau Sophie S. wohnen soll und mir dabei zu helfen, meine Sachen zu packen und sie nach Kronberg zu transportieren, bekam Frau Inge S. wegen irgendeiner Lappalie einen Wutausbruch, verprügelte mich und warf meine Kleider auf den Boden, die ich dann in Plastiktüten stopfte und nach Kronberg brachte. In die Plastiktüten steckte ich auch noch Puppen und Bücher, weil ich wusste, dass ich diese Sachen sonst vermissen würde. Die Tüten waren sehr schwer, und einmal half mir ein freundlicher Mann, diese Tüten zum Bahnhof zu tragen, weil er sah, dass ich fast am Zusammenbrechen war. Er fragte mich, wo ich hin will, und ich antwortete: "Zu meiner Oma nach Kronberg!" Damit gab der Mann sich zufrieden und stellte keine weiteren Fragen, was ich an seiner Stelle auf jeden Fall getan hätte!

Als ich elf Jahre alt war, benutzte ich einmal meinen Puppenwagen, um meine Puppen, Stofftiere, Bücher und Kleider nach Kronberg zu transportieren. Der Puppenwagen war bis zum Dach vollgestopft. Damals gab es am Eschborner Bahnhof einen Weg mit Schlaglöchern, die mit Wasser gefüllt waren, wenn es geregnet hatte. Auf diesem Weg verlor mein Puppenwagen plötzlich ein Rad und kippte um, wobei meine Sachen in eine braune Pfütze fielen und nass und schmutzig wurden. Da war ich sehr verzweifelt und habe geweint.

Ich weiß nicht mehr, ob ich es geschafft habe, das Rad irgendwie zu befestigen, oder ob ich den Puppenwagen auf nur drei Rädern zu dem Gleis geschoben habe, auf dem der Zug nach Kronberg abfuhr. Ich weiß nur noch, dass ich den Puppenwagen nicht allein in den Zug heben konnte und dass mir dabei jemand geholfen hat. Wieder wurde ich gefragt, wo ich denn hin wollte. "Zu meiner Oma nach Kronberg", antwortete ich.

Ich habe heute noch Alpträume, in denen ich verprügelt werde und dann viele Sachen mit dem Zug transportieren muss. Und wenn ich in einer psychosomatischen oder psychiatrischen Klinik bin, transportiere ich an den Wochenenden, wenn ich keine Termine habe und die Klinik verlassen darf, sehr viele meiner Sachen mit dem Zug und dem Bus zwischen der Klinik und meiner Wohnung hin und her, was stundenlang dauert und wobei ich oft fast am Zusammenbrechen bin, weil es so viel ist, was ich transportieren muss. Mit diesen vielen Sachen muss ich dann zweimal, dreimal oder sogar viermal umsteigen, je nachdem, wie weit die Klinik entfernt ist. Es ist wie ein Zwang, das zu tun. Und obwohl ich mich hinterher oft frage, warum ich diese vielen Sachen eigentlich unbedingt in der Klinik brauchte, habe ich doch immer wieder bis zur totalen körperlichen Erschöpfung Sachen zwischen meiner Wohnung und der Klinik hin und her transportiert.

Als ich zwölf Jahre alt war, ließ Frau Inge S. einmal ihre Wut nicht an mir aus, sondern an meinem Kanarienvogel. Sie warf den Käfig mit dem Vogel darin auf den Boden der Küche und trat mehrmals so heftig dagegen, dass der Käfig wie ein Fußball gegen die Wand flog. "Nein, nein!" schrie ich verzweifelt, doch ich konnte nichts tun, um Frau Inge S. zu stoppen. Schließlich hörte sie auf und ging aus der Küche. Ich lief zu dem Käfig und stellte erleichtert fest, dass "Hansi" noch lebte. Dann brachte ich den Käfig ins Schlafzimmer und bog die Gitterstäbe so gut wie möglich zurecht, damit Hansi nicht wegfliegen konnte. Vorher waren zu große Lücken zwischen den Gitterstäben gewesen, die durch die Tritte von Frau Inge S. entstanden waren. Sie verprügelte mich an diesem Tag nicht und warf mich auch nicht aus der Wohnung. Sie beachtete mich gar nicht mehr, nachdem sie den Vogelkäfig gegen die Wand gekickt und dann die Küche verlassen hatte.

Nachdem ich die Gitterstäbe gerade gebogen hatte, legte ich ein Handtuch über den Käfig, damit Hansi sich nicht erkälten konnte, und verließ wortlos die Wohnung. Ich brachte den Käfig zum Bahnhof. Im Zug wurde ich gefragt, was unter dem Handtuch sei. Ich zeigte den Leuten meinen Kanarienvogel. "Ach, wie süß!" sagte eine Frau. Dann fragte jemand, wo ich den Vogel hinbringen will. "Zu meiner Oma", antwortete ich. Und wieder schien sich niemand darüber zu wundern.

Hansi blieb dann bei Frau Sophie S. Ich habe ihn nie mehr nach Eschborn zurückgebracht.

Frau Inge S. hat mich nicht nur körperlich misshandelt, sondern auch seelisch. Sie sagte folgende Schimpfwörter zu mir:

Frau Inge S. nannte mich auch oft "Kordeldepp". (Das ist ein hessisches Schimpfwort für jemanden, der zu dumm ist, um etwas anderes zu tun, als Kordeln zu drehen.) Wenn ich etwas falsch machte, sagte sie: "Dir haben sie doch ins Gehirn geschissen!" Als ich 14 Jahre alt war und eine schlechte Note in Mathematik hatte, sagte Frau Inge S.: "Du kannst ja später mal eine Hure werden!"

Manchmal sagte Frau Inge S. zu sich selbst: "Wenn ich nur wüsste, wie ich dieses Mensch loswerden könnte!" Mit "dieses Mensch" war ich gemeint, und ich wunderte mich darüber, dass sie "dieses Mensch" sagte und nicht "diesen Menschen". Und eigentlich würde es ja "ekelhafter Schweinemensch, du ekelhafter" heißen, aber Frau Inge S. sagte "ekelhaftes Schweinemensch, du ekelhaftes".

Als ich 14 Jahre alt war, wurde Frau Inge S. noch viel brutaler als vorher. Ich hatte immer noch große Angst vor ihr, aber es kam auch ein paarmal vor, dass ich versuchte, mich zu wehren. Ich habe Frau Inge S. in diesem Alter fast nur noch gehasst und verachtet, weil ich niemanden kannte, der so brutal und gewalttätig war wie sie. Als ich in der Grundschule war, ist mir zwar aufgefallen, dass andere Kinder völlig anders behandelt wurden als ich, aber das war meiner Meinung nach nicht die Schuld von Frau Inge S. Ich konnte mir nicht erklären, warum ich verprügelt wurde, denn einerseits hatte ich das Gefühl, nichts Böses getan zu haben, wenn ich verprügelt und rausgeschmissen wurde, und andererseits hatte ich doch das Gefühl, es irgendwie "verdient" zu haben, dass ich so schlecht behandelt wurde. Ich hatte den Eindruck, anders zu sein als andere Kinder. Und deshalb wurde ich auch anders behandelt. Ich hatte immer das ungute Gefühl, dass mit mir irgend etwas nicht stimmte. Als ich ungefähr zehn Jahre alt war, fragte mich ein etwas älterer Junge, der in der Nachbarschaft von Frau Sophie S. wohnte: "Warum hat deine Großmutter den gleichen Nachnamen wie deine Mutter, obwohl sie doch die Mutter deiner Mutter ist?" Ich bekam einen großen Schreck und wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Im Alter von 15 Jahren wusste ich dann, warum ich anders war als die anderen Kinder. Ich verstand plötzlich, dass ich ein "uneheliches Kind" war, und ich glaubte, dass meine Existenz eine Sünde sei und dass ich eigentlich gar keine Existenzberechtigung hatte.

Ich hatte sehr nette Judotrainer und auch einige nette Lehrer in der Schule, die niemals jemanden geschlagen oder Schimpfwörter gebraucht hätten. Deshalb hatte ich im Alter von 13 und 14 Jahren den Eindruck, dass nur dumme und asoziale Menschen gewalttätig seien. Die Eltern meiner Freundinnen und die Eltern der anderen Kinder in meinem Judoverein gingen sehr liebevoll mit ihren Kindern um und hätten sie niemals geschlagen oder beschimpft. Ich fing an, Frau Inge S. wegen ihrer Brutalität und wegen der schrecklichen Schimpfwörter, die sie zu mir sagte, zu verachten. Ich wollte auch nicht mehr zuhören, wenn sie mir erzählte, was Frau Sophie S. und mein Vater ihr früher alles angetan hatten, dass sie mit ihren Kollegen Streit hatte oder warum die Mutter von Isabella angeblich so "dumm und ungebildet" war. Wenn sie so voller Hass über andere Menschen sprach, musste ich immer ganz dringend zur Toilette, oder ich musste unbedingt Hausaufgaben machen. Ich ging Frau Inge S. so gut es ging aus dem Weg. Deshalb war ich für sie nicht mehr nützlich, denn nun hatte sie keinen seelischen Müllabladeplatz mehr.

Als Frau Inge S. einmal auf mich zu kam, um mich zu verprügeln, bin ich nicht weggelaufen, sondern blieb einfach stehen und sagte: "Ja, schlag’ mich doch, wenn du das so toll findest!" Ein anderes Mal nahm ich das große Brotmesser und hielt es mit beiden Händen vor meine Brust. "Keinen Schritt weiter, sonst passiert etwas!" sagte ich mutig. Was dann passierte, weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, dass ich niemals wirklich mit diesem Messer zugestochen hätte. Dazu wäre ich gar nicht fähig gewesen. Ich wollte Frau Inge S. nur einen Schreck einjagen. Frau Sophie S. hatte mir einmal lachend erzählt, dass sie einmal ihrem Mann eine Bratpfanne auf den Kopf geschlagen hatte, als er sie verprügeln wollte. (Ich fand das überhaupt nicht komisch und konnte nicht darüber lachen!) Und seitdem hätte er Respekt vor ihr gehabt und sie nicht mehr verprügelt. Das passierte allerdings erst, nachdem er sie bereits jahrzehntelang verprügelt hatte. Er hatte sie sogar verprügelt, während sie schwanger war.

Dass ich Frau Inge S. mit diesem großen Brotmesser bedroht habe, passierte nicht spontan, sondern ich hatte mir vorher überlegt, dass ich mich das nächste Mal, wenn sie mich verprügeln will, mit diesem Messer schützen werde, das meistens auf dem Küchentisch lag. Ich glaubte, dass sie Angst haben würde, in meine Nähe zu kommen, wenn ich dieses Messer in der Hand hielt. Und ich hoffte, dass sie mich dann für immer in Ruhe lassen würde, so wie Frau Sophie S. von ihrem Mann in Ruhe gelassen wurde, nachdem sie ihm die Bratpfanne auf den Kopf geschlagen hatte. Doch Frau Inge S. prügelte in den nächsten Monaten immer weiter. Meine Drohung mit dem Messer nahm sie nicht ernst.

Einmal ging Frau Inge S. im Wohnzimmer mit dem Schrubber auf mich los, den sie bis zur Decke hochhob. Ich rannte weg, und das untere Teil des Schrubbers, das aus Holz war und an dem die Borsten waren, kam direkt hinter mir - höchstens zehn Zentimeter entfernt von meiner Ferse - mit einem sehr lauten Knall auf dem Parkettboden aus Holz auf. Ich konnte aus der Wohnung flüchten. Im Aufzug lehnte ich mich gegen die Wand, weil mir schwarz vor den Augen wurde. Meine Knie waren wie aus Gummi, und ich konnte nicht mehr stehen, sondern brach zusammen und saß plötzlich auf dem Boden des Aufzugs.

Eines Tages warf Frau Inge S. ein Regal um, wobei Bücher, mein Plattenspieler und zwei Lautsprecherboxen mit einem sehr lauten Knall auf dem Parkettboden aus Holz landeten. Der Plattenspieler und die Lautsprecherboxen waren dann kaputt.

Es kam auch vor, dass ich abends vom Judotraining nach Hause kam und die Tür nicht aufschließen konnte, weil von innen der Schlüssel steckte. Frau Inge S. ließ mich auch nicht in die Wohnung, als ich klingelte. An einem Abend kam Isabellas Mutter vorbei, als ich vor der Tür stand und nicht in die Wohnung konnte. Sie fragte mich, ob ich bei ihr warten möchte, bis Frau Inge S. nach Hause kommt. Ich sagte nicht, dass sie zu Hause war und dass der Schlüssel von innen steckte. In Isabellas Zimmer wartete ich also darauf, dass Frau Inge S. nach Hause kommen würde, obwohl ich genau wusste, dass sie zu Hause war. Isabella zeigte mir Fotos von dem Besuch bei ihrem Vater in Venezuela. Wenn sie mir ein Foto gab, zitterte meine Hand so sehr, dass ich nicht viel auf dem Foto erkennen konnte. Ich legte meinen Unterarm auf den Oberschenkel, doch meine Hand zitterte immer noch ein bisschen. Ich lachte mit Isabella über einige Fotos, die sehr lustig waren, obwohl mir zum Weinen zumute war. Nachdem ich die Fotos angesehen hatte, sagte ich Isabella und ihrer Mutter, dass ich jetzt noch einmal bei Frau Inge S. klingeln würde. Das tat ich dann auch, doch sie machte wieder nicht die Tür auf. Dann ging ich zurück zu Isabella und ihrer Mutter und sagte, dass Frau Inge S. nun zu Hause sei. Ich bedankte und verabschiedete mich und tat so, als würde ich nach Hause gehen. Doch ich fuhr nach Kronberg zu Frau Sophie S. Meine Schultasche war in der Wohnung von Frau Inge S. Deshalb konnte ich am nächsten Tag nicht zur Schule gehen. An diesem Abend bin ich ohne Fahrkarte mit dem Zug nach Kronberg gefahren. Als ich 13 und 14 Jahre alt war, kam es oft vor, dass ich schwarzfahren musste, denn seit ich nicht mehr im Kronberger Gymnasium, sondern in der Eschborner Gesamtschule war, hatte ich keine Monatskarte mehr. Wenn ich am Tag rausgeworfen wurde, ging ich zu Fuß von Eschborn nach Kronberg und lief auf einsamen Wegen durch die Felder. Wenn ich am Abend rausgeworfen wurde, traute ich mich nicht, nach Kronberg zu laufen. Dann musste ich schwarzfahren.

Als ich 13 und 14 Jahre alt war, kam es mehrmals vor, dass Frau Inge S. mit Kochtöpfen, Geschirr, Gläsern und Besteck nach mir warf. Dann lagen überall Scherben herum und zwischen diesen vielen Scherben lagen Messer, Gabeln und Löffel. Das sah ganz schlimm aus. Frau Inge S. schrie dann, dass ich den Besen holen und die Scherben wegkehren sollte. Einmal lagen die Scherben vor der Tür zwischen dem Schlafzimmer und dem Wohnzimmer. Ich war im Schlafzimmer und hatte keine Schuhe an. Als Frau Inge S. schrie, dass ich den Besen holen sollte, rannte ich ins Wohnzimmer und dann in die Abstellkammer, um den Besen und die Schaufel zu holen. Ich musste dort vorbeigehen, wo die Scherben lagen, und ich war so in Panik, dass ich nicht darauf achtete, wohin ich trat. Ich trat in eine Glasscherbe, die in meiner Fußsohle steckenblieb.

Seit ich kurz nach meinem 18. Geburtstag bei Frau Sophie S. ausgezogen war und seit ich eine eigene Wohnung habe, kann ich keine Kochtöpfe, keine Kochlöffel, keine Kleiderbügel, keine Messer und Gabeln und auch kein Geschirr aus Porzellan in meiner Wohnung ertragen. Gläser habe ich auch nicht, sondern trinke aus Plastikbechern. Müsli und Corn Flakes esse ich aus Plastikschüsseln. Ich kann nur Löffel in der Wohnung ertragen, weil sie nicht spitz oder scharf sind, aber keine Messer und Gabeln. Meine Ernährung ist wegen dieser Zwänge eine absolute Katastrophe. Ich ernähre mich sehr ungesund und leide unter Übergewicht.

Als ich im Alter von 14 Jahren einmal auf meinem Bett saß, hob Frau Inge S. einen schweren Stuhl aus massivem Holz bis zur Decke des Zimmers hoch und wollte mich damit schlagen. Der Stuhl landete auf meinem Bett - genau dort, wo ich eine Sekunde vorher noch gesessen hatte. Ich konnte ins Badezimmer flüchten und mich dort einschließen. Frau Inge S. drohte, die Türe einzuschlagen und dass "etwas ganz Fürchterliches" passieren würde, falls ich nicht sofort die Tür öffne. Ich hatte das Gefühl, dass sie mich umbringen wollte. Von Weinkrämpfen geschüttelt hielt ich die Tür von innen so fest ich konnte zu, obwohl sie ja bereits abgeschlossen war. Nachdem ich mit dem Weinen aufgehört hatte und auch nicht mehr krampfhaft die Tür zuhalten musste, geriet ich nach einer weiteren Drohung von Frau Inge S. so sehr in Panik, dass ich mich umbringen wollte. Ich suchte im Badezimmerschrank nach einem spitzen Gegenstand, um mir die Pulsadern aufzuschneiden. Ich habe jedoch keinen spitzen Gegenstand gefunden. Die Nagelschere, die manchmal im Badezimmerschrank war, befand sich zeitweise in einem kleinen Schrank in der Küche.

Ich war etwa eine Stunde lang in diesem Badezimmer, das kein Fenster hatte, ohne zu wissen, was mir passieren würde, wenn ich das Badezimmer wieder verlasse. Ich verhielt mich völlig still und traute mich nicht, die Tür zu öffnen. Schließlich hörte ich, dass Frau Inge S. telefonierte und ein Taxi rief. Kurz darauf klingelte es. Frau Inge S. ging zur Sprechanlage im Flur, weil sie glaubte, dass das Taxi gekommen sei. Sie drückte auf einen Knopf der Sprechanlage und sagte: "Bitte kommen Sie in den sechsten Stock!" Gleichzeitig öffnete sie die Wohnungstür, weil sie dachte, dass der Taxifahrer in einer Minute oben sein würde. Doch dann sah sie Isabella vor der Tür stehen. "Ach, die Isabella!" sagte Frau Inge S., und das klang tatsächlich so, als würde sie sich über Isabellas Besuch freuen. Sie war eine sehr gute Schauspielerin. Isabella fragte, ob ich mit ihr und einem Hund namens "Philipp", den sie von einer Nachbarin geliehen hatte, spazieren gehen möchte. Frau Inge S. antwortete ausgesprochen freundlich, dass das nicht möglich sei, weil ich gleich mit dem Taxi zu meiner Großmutter fahren würde. In diesem Moment entwischte Philipp und rannte in unsere Wohnung. Isabella und Frau Inge S. liefen hinter ihm her, um ihn wieder einzufangen. Ich hörte Frau Inge S. lachend fragen: "Kann man den anfassen?"

Das war alles wie ein schrecklicher Alptraum. Erst schien Frau Inge S. mich umbringen zu wollen, und dann lachte sie plötzlich und amüsierte sich über einen ausgerissenen Hund! Ich stand immer noch im Badezimmer und verhielt mich mucksmäuschenstill. Ich kam nicht auf die Idee, um Hilfe zu rufen. Ich war wie gelähmt, weil ich so eine furchtbare Angst hatte.

Als Isabella den Hund eingefangen und unsere Wohnung gerade verlassen hatte, klingelte es noch einmal, diesmal von unten. Es war der Taxifahrer. Frau Inge S. sagte ihm über die Sprechanlage in einem zuckersüßen Ton, dass er bitte nach oben in den sechsten Stock kommen solle. Und dann rief sie mir in einem ebenso zuckersüßen, extrem freundlichen und fröhlichen Ton zu: "Das Taxi ist da!" Ich öffnete immer noch nicht die Tür. Erst als ich die Stimme des Taxifahrers oben an unserer Wohnungstür hörte, kam ich aus dem Badezimmer heraus. Im Flur standen bereits alle Sachen, die ich mitnehmen sollte. Frau Inge S. war ein paar Minuten im Schlafzimmer gewesen, während ich im Badezimmer war, und hatte meine Sachen in eine Reisetasche und in Plastiktüten gepackt. Neben der Reisetasche standen auch noch meine Schultasche und die Sporttasche mit meinem Judoanzug. Während Frau Inge S. und der Taxifahrer diese Sachen zum Aufzug brachten, rannte ich noch schnell ins Schlafzimmer und holte ein kleines Schränkchen, das ich mal beim Sperrmüll gefunden hatte. Dieses Schränkchen konnte ich abschließen, und darin befand sich mein wertvollster Besitz: Meine Tagebücher! Deshalb musste ich dieses kleine Schränkchen unbedingt mitnehmen. Ich trug es aus der Wohnung und ging damit in den Aufzug. Ich war froh, als die Tür des Aufzugs sich hinter mir schloss und ich mit dem Taxifahrer allein war. Als ich im Erdgeschoss ankam und meine Sachen mit Hilfe des Taxifahrers zum Taxi trug, begegnete ich Isabella. Ich habe gelächelt und in einem fröhlichen Ton "tschüs" zu Isabella gesagt, so als ob alles in bester Ordnung wäre. Aus irgendeinem Grund konnte ich nicht anders, als das merkwürdige Theater von Frau Inge S. mitzuspielen. Ich tat so, als wäre nichts passiert und als würde ich einfach nur zu meiner Großmutter fahren, um sie zu besuchen.

Frau Inge S. hatte mir kein Geld gegeben, um das Taxi zu bezahlen. Als ich bei Frau Sophie S. ankam, klingelte ich bei ihr und bat sie, mir das Geld für das Taxi zu geben. "Ich denke ja gar nicht daran!" war ihre barsche Antwort. Als der Taxifahrer merkte, dass er sein Geld nicht bekommen würde, nahm er das Schränkchen, das er gerade ausgeladen hatte, stellte es wieder hinein und machte die Tür des Kofferraums zu. Dann drückte er mir seine Visitenkarte in die Hand und sagte, ich könnte das Schränkchen bei ihm abholen, wenn ich das Geld hätte. Ich stand wie gelähmt vor dem Haus und sah zu, wie der Taxifahrer ins Auto stieg und mit meinen Tagebüchern davonfuhr. Frau H., eine ältere Frau, die im Haus von Frau Sophie S. wohnte, kam kurz darauf aus dem Haus und fragte, was denn los sei. Ich stand völlig verzweifelt zwischen meinen Taschen und Plastiktüten und sagte schluchzend, dass der Taxifahrer meine Tagebücher mitgenommen hatte. Als ich dann jämmerlich weinend in die Wohnung von Frau Sophie S. kam, schimpfte sie mit mir, weil ich mit dem Taxi gekommen war. Sie sagte in einem sehr bösen Ton, sie sei noch nie in ihrem Leben mit dem Taxi gefahren, denn das wäre viel zu teuer. Ich erklärte ihr, dass nicht ich, sondern Frau Inge S. das Taxi bestellt hatte. "Dann soll sie es auch bezahlen!" sagte Frau Sophie S.

Tagelang bettelte ich darum, dass Frau Sophie S. mir 14 Mark für das Taxi gab, doch das tat sie nicht. Es war ihr völlig egal, dass ich weinte, weil ich Angst hatte, der Taxifahrer würde meine Tagebücher wegwerfen oder verbrennen, wenn ich nicht käme, um sie abzuholen. Sie sagte, dass ich mir das Geld bei Frau Inge S. holen sollte. Also fuhr ich zu Frau Inge S., doch sie machte die Tür nicht auf. Ich wusste, dass sie zu Hause war, denn ich konnte durch den Spion in der Wohnungstür sehen, dass in der Wohnung Licht brannte. Dann bewegte sich etwas, weil Frau Inge S. von innen durch den Spion sah. Doch sie öffnete nicht die Tür. Völlig verzweifelt fuhr ich wieder zurück zu Frau Sophie S., die immer noch kein Mitleid hatte und mir das Geld nicht gab. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, denn Taschengeld bekam ich nicht, und ich hatte auch keine Ahnung, wie oder wo ich Geld verdienen konnte.

Nach ungefähr einer Woche traf ich zufällig Frau H. auf der Treppe. Sie fragte, ob ich inzwischen meine Tagebücher zurückbekommen hätte. Dann schenkte diese nette Frau mir das Geld für das Taxi. Sie ärgerte sich über das Verhalten von Frau Sophie S. und sagte mir, dass sie gar nicht begreifen könnte, warum meine Großmutter so stur war und mir das Geld für das Taxi nicht geben wollte. Ich konnte das auch nicht begreifen, denn schließlich war es ja nicht meine Schuld, dass ich mit dem Taxi nach Kronberg gekommen war.

Ich fuhr sofort mit dem Zug nach Eschborn und klingelte bei dem Taxifahrer. Er war zu Hause, und er hatte das Schränkchen mit den Tagebüchern noch nicht verbrannt. Ich gab dem Taxifahrer die 14 Mark und durfte das kleine Schränkchen, das ziemlich schwer war, mitnehmen. Ich trug es zum Eschborner Bahnhof, fuhr mit dem Zug zurück nach Kronberg, und dann trug ich das schwere Schränkchen einen sehr steilen Berg hoch. Ein paar Wochen später rief Frau Inge S. wieder bei Frau Sophie S. an und verlangte, dass ich wieder zu ihr zurückkomme. Dann musste ich das Schränkchen mit den Tagebüchern und meine anderen Sachen wieder zurück nach Eschborn transportieren, indem ich mehrmals mit dem Zug von Kronberg nach Eschborn fuhr.

Frau Inge S. wurde immer verrückter. Als ich 14 Jahre alt war, war es besonders schlimm. An einem Abend wollte sie mich quälen und mich nicht einschlafen lassen. Ich lag schon im Bett und war gerade am Einschlafen, als sie ins Schlafzimmer kam und das Licht einschaltete. Dann ging sie wortlos wieder raus und machte die Tür zu. Ich stand auf, ging zum Lichtschalter, schaltete das Licht aus und legte mich wieder ins Bett. Frau Inge S. kam herein und machte das Licht wieder an. Nachdem sie rausgegangen war, machte ich das Licht wieder aus. Kurz darauf schaltete sie es wieder ein. Mir wurde langsam klar, dass Frau Inge S. vorhatte, mich nicht schlafen zu lassen. Und ich hatte Angst, dass sie mich wieder verprügeln würde. Ich dachte, je weniger Angst ich zeige und je stärker ich wirke, desto weniger würde sie mich quälen. Deshalb schaltete ich das Licht nicht mehr aus, sondern nahm ein Buch und tat so, als würde ich darin lesen. Damit wollte ich ihr zeigen, dass es mir gleichgültig war, dass sie das Licht eingeschaltet hatte und dass sie es nicht schafft, mich zu tyrannisieren. Als Frau Inge S. wieder reinkam und sah, dass ich das Licht diesmal nicht ausgeschaltet hatte, sondern in einem Buch las, schaltete sie das Licht aus, so dass ich nicht mehr lesen konnte. Ich dachte schon, sie würde mich nun endlich schlafen lassen und legte mich wieder hin. Doch sie kam herein und machte das Licht wieder an. Diesmal machte ich es nicht wieder aus, sondern tat so, als würde ich trotz des Lichtes schlafen. Als Frau Inge S. das sah, schaltete sie mein Radio ein und stellte es laut. Dann fing sie an, zu der Radiomusik zu tanzen. Sie machte ganz merkwürdige Bewegungen. Ich hatte das Gefühl, in einem Irrenhaus zu sein und eine Verrückte vor mir tanzen zu sehen.

Obwohl ich Frau Inge S. zutiefst verachtete, weil sie so brutal war und sich so merkwürdig benahm, hatte ich trotzdem das Gefühl, an allem schuld zu sein. Ich hasste nicht nur Frau Inge S., sondern auch mich selbst. Und obwohl ich eigentlich wusste, dass es nicht richtig war, dass Frau Inge S. mich verprügelte, kam ich überhaupt nicht auf die Idee, jemanden um Hilfe zu bitten. Ich war es einfach nicht gewohnt, Erwachsene um Hilfe zu bitten, wenn es mir schlecht ging, sondern habe immer versucht, alle Probleme selbst zu lösen.

Meine Jugendzeit

Ein paar Monate vor meinem 15. Geburtstag bekam Frau Inge S. an einem Sonntagmorgen wieder einmal einen Wutausbruch. Der Anlass dafür war, dass ich nach dem Aufwachen nur die Bettdecke über einen Stuhl gelegt hatte, damit sie lüften konnte, aber das Kopfkissen nicht, denn Frau Inge S. hatte mir noch nie gesagt, dass ich auch das Kopfkissen nicht auf dem Bett liegenlassen durfte. Nachdem ich im Badezimmer war und mich angezogen hatte, kam Frau Inge S. ins Schlafzimmer und sah, dass ich zwar die Bettdecke über den Stuhl gelegt hatte, aber dass das Kopfkissen noch auf dem Bett lag. Da rastete sie total aus und schrie, dass man auch das Kopfkissen lüften müsse. Sie tobte und warf Bücher und Sofakissen auf den Boden des Wohnzimmers. Dann schüttete sie Bier über meinen Kopf und schlug mich mit einem Holzschuh, den ich ihr aus der Hand reißen konnte. Frau Inge S. rief bei der Polizei an und sagte, ich hätte "die ganze Wohnung verwüstet" und würde sie nun mit einem Holzschuh "bedrohen". Dann bat sie darum, dass ich in ein Erziehungsheim gebracht werde. Nachdem sie den Hörer aufgelegt hatte, nahm sie den anderen Holzschuh und ging damit auf mich los. Auch diesen Holzschuh riss ich ihr aus der Hand, um nicht verprügelt zu werden. Weglaufen konnte ich diesmal nicht, denn die Wohnungstür war abgeschlossen, und der Schlüssel steckte nicht im Schloss.

Frau Inge S. rief noch ein zweites Mal bei der Polizei an und sagte: "Jetzt bedroht meine Tochter mich mit zwei Schuhen! Bitte kommen Sie schnell!" Ich stand etwa zwei bis drei Meter von ihr entfernt und hielt in jeder Hand einen Holzschuh. Obwohl ich große Angst hatte, hätte ich beinah angefangen, laut zu lachen, weil diese Situation so absurd war. Ich habe Frau Inge S. nicht im geringsten "bedroht", sondern stand nur ganz ruhig vor der Tür der Abstellkammer - erst mit einem Holzschuh in der Hand und dann mit beiden Holzschuhen. Die Holzschuhe waren in der Höhe meiner Oberschenkel und stellten keine "Bedrohung" für Frau Inge S. dar. Ich hatte die Holzschuhe keine einzige Sekunde lang hochgehoben und ihr damit gedroht, so wie ich ihr einmal mit dem Brotmesser gedroht hatte. Ich stand einfach nur da - mit den Holzschuhen in der Hand - und wusste nicht, was ich tun sollte. Es gab keine Möglichkeit, zu fliehen, denn die Wohnungstür war abgeschlossen, und Frau Inge S. stand in einer Ecke zwischen der Tür zum Wohnzimmer und der Tür zum Badezimmer, während sie telefonierte, so dass ich weder ins Wohnzimmer noch ins Badezimmer flüchten konnte. Es hätte mir auch gar nichts genützt, wenn ich ins Wohnzimmer oder Schlafzimmer geflüchtet wäre, denn die Schlüssel, die zu den Türen im Wohnzimmer und Schlafzimmer gehörten, hatte Frau Inge S. schon Jahre vorher versteckt, damit ich mich nicht einschließen konnte. Ich hatte keine Ahnung, wo diese Schlüssel waren. Nur die Badezimmertür konnte ich zuschließen, wenn ich es schaffte, ins Badezimmer zu flüchten, weil dort ein Riegel war, den man umdrehen konnte, um die Tür abzuschließen, so wie bei öffentlichen Toiletten. Und diesen Riegel konnte Frau Inge S. nicht abmontieren.

Kurz darauf kamen zwei Polizisten. Ich sagte ihnen, dass ich überhaupt nichts gemacht hatte. Sie glaubten mir, denn Frau Inge S. machte einen ziemlich durchgedrehten Eindruck und sprach ganz merkwürdig. Außerdem war die Wohnung nicht "verwüstet", sondern es lagen einfach nur ein paar Sofakissen und Bücher auf dem Boden. Frau Inge S. wiederholte noch einmal, dass ich ins Erziehungsheim gebracht werden soll. Dazu sagte der eine Polizist: "Wir können ein Kind nicht grundlos ins Erziehungsheim bringen!" "Dann bringen Sie sie halt zu ihrer Großmutter!" sagte Frau Inge S. Die Polizisten brachten mich mit dem Polizeiauto nach Kronberg. Während der Fahrt waren sie sehr freundlich zu mir und schienen mich trösten und beruhigen zu wollen. Der eine Polizist fragte mich nach meinen Hobbys, und ich erzählte, dass ich in einem Judoverein war.

Die Polizisten hielten direkt vor dem Haus, in dem Frau Sophie S. wohnte und klingelten bei ihr. Sie guckte aus dem Fenster und sah das Polizeiauto, die Polizisten und mich vor dem Haus stehen. Die Polizisten kamen dann mit mir nach oben, um Frau Sophie S. zu fragen, ob ich bei ihr bleiben konnte. Sie hatte nichts dagegen, und damit war für die Polizisten der Fall erledigt. Sie haben nicht das Jugendamt benachrichtigt.

Eigentlich war es ja sehr nett von den Polizisten, dass sie während der Fahrt mit mir über mein Hobby gesprochen haben. Noch besser wäre es jedoch gewesen, wenn sie mich folgendes gefragt hätten:

"Kommt das öfters mal vor, dass deine Mutter Wutausbrüche hat und Kissen und Bücher auf den Boden wirft?"

"Schlägt sie dich dann auch?"

"Womit schlägt sie dich?"

"Möchtest du gerne bei deiner Großmutter wohnen?"

An der Stelle dieser Polizisten hätte ich einem Kind, dessen Mutter sich so merkwürdig verhält, meine Telefonnummer gegeben und ihm gesagt, dass es mich anrufen kann, wenn es Hilfe braucht. Und auf jeden Fall hätte ich das Jugendamt darüber informiert, dass eine Mutter ihr Kind völlig grundlos ins Erziehungsheim bringen lassen wollte.

Nachdem die Polizisten gegangen waren, machte Frau Sophie S. mir Vorwürfe, weil ich mit dem Polizeiauto gekommen war und die Nachbarn das gesehen haben könnten. Das war ihre einzige Sorge. Wie es mir ging, interessierte sie überhaupt nicht. Ich war weinend und mit klebrigen und nach Bier riechenden Kleidern und Haaren bei ihr angekommen. Trotzdem hatte sie kein Mitleid mit mir.

In den nächsten drei Jahren habe ich dann bei Frau Sophie S. gewohnt. In diesen drei Jahren hat sie manchmal mir gegenüber Frau Inge S. erwähnt und sagte: "Deine Mutter..." Dann habe ich mit betont gleichgültiger Stimme gefragt: "Welche Mutter? Ich habe keine Mutter. Du meinst wohl deine Tochter?" Frau Sophie S. wurde böse, wenn ich so über Frau Inge S. sprach. Einmal habe ich mich verteidigt und gesagt, dass ich diese Frau nicht als Mutter ansehen kann, weil sie mich verprügelt, rausgeschmissen und furchtbare Schimpfwörter zu mir gesagt hatte. Dann zählte ich einige dieser Schimpfwörter auf. Dazu sagte Frau Sophie S. nur: "Die gleichen Schimpfwörter hat der Opa auch immer gebraucht." (Wenn sie "der Opa" sagte, meinte sie Herrn Gustav S., den ich zum Glück nie kennengelernt hatte.) Damit war für sie das Thema erledigt. Sie sagte nicht: "Es tut mir leid, dass du jahrelang so schlecht behandelt wurdest und dass ich dir nicht geholfen habe!" Ein paar Wochen später wurde sie wieder böse, als ich so "respektlos" über Frau Inge S. sprach und sie nicht "Mutter" nennen wollte, sondern "deine Tochter" sagte. Frau Sophie S. hatte schon wieder völlig vergessen, was ich ihr ein paar Wochen vorher erzählt hatte. Sie wollte es nicht wahrhaben, dass ich misshandelt worden war. Trotz allem, was geschehen war, konnte sie meine Wut und Verzweiflung nicht verstehen. Ihrer Meinung nach musste man Achtung vor seinen Eltern haben, auch wenn sie bösartig und brutal waren. Als ich 15 Jahre alt war, war Frau Sophie S. schon 77 Jahre alt. Sie konnte zwar noch völlig klar denken, aber sie verstand trotzdem nicht, dass es mir so schlecht ging. Sie hatte einfach kein Einfühlungsvermögen. Die Fähigkeit, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, war bei ihr nicht einmal ansatzweise vorhanden.

Nachdem Frau Inge S. mich ins Erziehungsheim bringen lassen wollte, ging es mir schlechter als jemals zuvor. Ich war jeden Tag völlig verzweifelt und hatte Suizidgedanken. Mein Leben schien zuende zu sein. Ich ging oft wochen- und monatelang nicht mehr in die Schule, weil ich nachts kaum noch schlafen konnte und tagsüber so schlimme Kopf- und Nackenschmerzen hatte. Wenn ich nachts nicht schlafen konnte und so eine furchtbare Angst hatte, riss ich mir die Haare aus.

Wenn ich nach längerer Zeit mal wieder in der Schule war, konnte ich mich überhaupt nicht konzentrieren. Ich dachte tausendmal am Tag, dass mein Leben völlig sinnlos ist und dass ich sterben möchte. Mit Frau Sophie S. habe ich in den nächsten drei Jahren kein einziges Mal über meine Depressionen und Suizidgedanken gesprochen. Sie behauptete immer, ich sei zu faul, um in die Schule zu gehen. Sie merkte nicht, was wirklich mit mir los war - oder wollte es nicht merken.

Meine Lehrer wussten, dass ich nicht mehr bei Frau Inge S. in Eschborn, sondern bei Frau Sophie S. in Kronberg wohnte, doch kein einziger Lehrer hat mich jemals gefragt, warum ich nicht mehr bei meiner Mutter, sondern bei meiner Großmutter wohnte.

Als es schon ziemlich sicher war, dass ich die neunte Klasse wiederholen musste, stellte mich mein Deutschlehrer vor der ganzen Klasse zur Rede und fragte mich, warum ich die Schule schwänzte bzw. warum ich mich nicht mehr am Unterricht beteiligte, wenn ich dann doch mal wieder zur Schule kam. Ich gab irgendeine flapsige Antwort, weil ich lieber gestorben wäre, als vor der ganzen Klasse zuzugeben, wie schlecht es mir ging. "Das muss Galgenhumor sein!" sagte Herr S. und schüttelte den Kopf. Dann wandte er sich wieder dem Deutschunterricht zu.

Ich kann heute nicht begreifen, warum Herr S. mir diese Frage während des Unterrichts gestellt hat. Warum hat er mich nicht gebeten, nach dem Unterricht zu ihm zu kommen? Warum hat er nicht allein mit mir gesprochen? Wollte er denn wirklich wissen, was mit mir los war? Ich glaube es nicht. Sollte ich etwa der ganzen Klasse erzählen, dass Frau Inge S. mich verprügelt hatte und mich in ein Erziehungsheim bringen lassen wollte und dass ich nun völlig verzweifelt bin und nicht mehr leben möchte?

Als ich 14 und 15 Jahre alt war, wurde die Schule für mich immer mehr zur Qual. Meine Klassenkameraden stritten sich oft, und besonders die Mädchen wurden immer bösartiger. Ich konnte die ewigen Intrigen, Konflikte und sinnlosen Streitereien nicht mehr ertragen. Die Schule war auch deshalb eine Qual, weil wir monatelang über das Dritte Reich sprachen und über die schrecklichen Grausamkeiten, die damals geschehen waren. Für mich war es eine große Katastrophe, zu erfahren, dass sechs Millionen Juden ermordet worden waren. Ich wollte nicht in einer Welt leben, in der so etwas Schreckliches passieren konnte. Ich hatte den Eindruck, dass alle Menschen grausam waren, und ich wollte immer weniger mit anderen Menschen zu tun haben.

Auch der Deutschunterricht wurde immer unerträglicher. Wir lasen nur noch Bücher, die mich schockierten, wie z.B. "Der Untertan" von Heinrich Mann. Diederich, die Hauptfigur dieses Romans, hatte eine Freundin, die er gar nicht liebte, sondern nur verachtete. Er nutzte sie nur aus, während sie glaubte, er würde sie bald heiraten. Ich war so traurig, als ich das las, denn ich konnte nicht begreifen, warum die Menschen sich immer nur gegenseitig ausnutzten.

Das Buch "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" war auch ein Alptraum für mich. Ich fand es schrecklich, wie sehr Katharina Blum gequält wurde, nur weil ein paar Reporter so geldgierig waren. Ich konnte die Gleichgültigkeit der Menschen nicht mehr ertragen - nicht einmal in einem Roman.

Eine Stelle in diesem Buch fand ich besonders schlimm: Katharina Blum wurde von einem Kommissar verhört. Es ging um den zu hohen Kilometerstand ihres Autos. Sie erklärte dem Kommissar, sie sei abends oft stundenlang mit ihrem Auto durch die Gegend gefahren, weil sie sich sehr einsam gefühlt habe. Sie sagte, sie habe immer gehofft, nicht so zu enden wie andere alleinstehende Frauen, die abends vor dem Fernseher sitzen und Alkohol trinken. "So sieht also meine Zukunft aus!" dachte ich, als ich das las. Ich war bereits im Alter von 15 Jahren davon überzeugt, dass ich mein ganzes Leben lang genauso einsam sein würde wie Katharina Blum und wie Frau Inge S. und Frau Sophie S.

Frau Inge S. hatte immer wieder mal gedroht, von unserem Balkon im sechsten Stock herunterzuspringen. Und sie hatte mehrmals gesagt: "Wie lange muss ich dieses Scheißleben denn noch ertragen?" Auch ich empfand mein Leben als unerträglich. Ich ging immer seltener zur Schule, und wenn ich mal dort war, beteiligte ich mich nicht am Unterricht. Bei Klassenarbeiten gab ich nur leere Blätter ab. Ich schrieb keinen einzigen Satz und löste keine einzige Aufgabe. Deshalb bekam ich jedesmal eine Sechs, doch kein Lehrer fragte, was denn mit mir los sei. In den letzten zwei Schuljahren fehlte ich mehrmals wochen- und sogar monatelang unentschuldigt, doch das Jugendamt wurde nicht benachrichtigt.

Die Jahre zwischen meinem 15. und 18. Geburtstag waren eine Qual. Frau Sophie S. merkte nicht, dass ich schwere Depressionen hatte und suizidgefährdet war. Statt mir zu helfen, demütigte sie mich genauso, wie sie es früher mit Frau Inge S. gemacht hatte. Ich schrieb oft stundenlang in mein Tagebuch, weil ich mit niemandem sprechen konnte. Frau Sophie S. verstand nicht, warum ich so viel schrieb. Einmal sagte sie: "Schreibst du schon wieder? Das ist ja schon krankhaft! Bei dir stimmt irgend etwas nicht in deinem Hirn!" Dann spuckte sie auf mein aufgeschlagenes Tagebuch. Da habe ich mich sehr geekelt und jegliche Achtung vor Frau Sophie S. verloren.

Manchmal sagte Frau Sophie S.: "Du bist verrückt! Du musst zum Psychiater!" Ich hatte immer das Gefühl, laut schreien zu müssen, wenn sie so etwas sagte. Meine Verzweiflung wurde dadurch noch größer. Alles war vollkommen hoffnungslos. Ich ging Frau Sophie S. drei Jahre lang so gut wie möglich aus dem Weg. Ihre Anwesenheit im gleichen Raum war für mich unerträglich. Deshalb aß ich nie mit ihr zusammen, sondern holte mir irgend etwas aus dem Kühlschrank und aß es in meinem Zimmer. Ich ging auch nicht ins Wohnzimmer, wenn Frau Sophie S. im Wohnzimmer war. Ich wohnte dort wie eine Untermieterin in einer fremden Wohnung.

An den Wochenenden war Frau Sophie S. meistens bei ihrer Tochter in Frankfurt. Auch an Weihnachten und Ostern war sie dort, und ich war tagelang allein. Ich war jedoch nicht traurig darüber, dass Frau Sophie S. nicht da war. Ich vermisste sie überhaupt nicht, denn sie war für mich nur ein völlig fremder Mensch.

In diesen drei Jahren, in denen ich bei Frau Sophie S. wohnte, behielt Frau Inge S. den Unterhalt, den mein Vater für mich zahlte. Frau Sophie S. bekam kein Geld für mich, obwohl sie für mich Lebensmittel, Kleidung und Schulsachen kaufen musste. Ich brauchte auch eine Monatskarte für den Zug, weil ich nun in Kronberg wohnte und in Eschborn zur Schule ging. Wenn ich Frau Sophie S. um Geld für eine Monatskarte oder für Schulhefte bat, wurde sie böse und sagte: "Dann geh’ doch zu deiner Mutter! Ich bin dafür nicht zuständig!" Sie sagte das, obwohl sie genau wusste, dass Frau Inge S. mir kein Geld geben und mir auch nicht die Tür öffnen würde.

Mein Vater musste monatlich 300 Mark für mich bezahlen. Außerdem bekam Frau Inge S. noch Kindergeld, das sie auch nicht an Frau Sophie S. weitergab. Sie behielt das Geld einfach, machte den Führerschein und kaufte sich ein Auto. Frau Sophie S. gab mir kein Taschengeld, kaufte mir kein Obst und sparte sogar an den Kohlen, so dass ich im Winter in meinem Zimmer, in dem noch ein alter Kohleofen war, fürchterlich frieren musste. Zum Friseur durfte ich auch nicht gehen, während meine Klassenkameradinnen einmal im Monat zum Friseur gingen und schicke Kleider hatten. Am schlimmsten war jedoch, dass Frau Sophie S. mir verbot, mir einmal pro Woche die Haare zu waschen. Sie behauptete, dass man Haarausfall bekäme, wenn man häufiger als alle zwei Wochen die Haare wäscht. Auch meine Kleider durfte ich nicht einmal pro Woche waschen. Frau Sophie S. sagte, dass man seine Kleidung einen Monat lang tragen könnte, ohne sie zu waschen. Das war für mich unvorstellbar! Ich wollte auch meine Haare nicht nur alle zwei Wochen waschen. Deshalb wusch ich sie heimlich, wenn Frau Sophie S. nicht zu Hause war. Einmal erwischte sie mich beim Haarewaschen und wurde so wütend, dass sie mit ihren Fäusten auf mich losging und sagte: "Ich schlag’ dich nochmal tot!" Seitdem stellte sie das Gas ab, wenn sie zum Einkaufen ging oder am Wochenende nach Frankfurt fuhr, so dass ich an den Wochenenden nur mit kaltem Wasser duschen, Haare waschen und die Wäsche waschen konnte. (Eine Waschmaschine hatte Frau Sophie S. nicht. Deshalb wusch ich meine Wäsche mit der Hand.) Wenn ich am Wochenende kaltes Wasser verbrauchte, merkte Frau Sophie S. das nicht, denn für das kalte Wasser gab es keinen Zähler. Aber es gab einen Gaszähler. Frau Sophie S. hätte es also gemerkt, wenn ich heimlich warmes Wasser verbraucht hätte. Es war schlimm, im Winter mit kaltem Wasser zu duschen und die Haare zu waschen. Und oft war ich viel zu depressiv, um mich dazu zu überwinden. Die anderen Mädchen in meiner Klasse wuschen sich alle zwei bis drei Tage die Haare und manche sogar täglich. Und ich durfte mir die Haare nicht einmal pro Woche waschen!

Frau Sophie S. hatte eine sehr niedrige Rente und war natürlich sehr böse auf Frau Inge S., weil sie den Unterhalt, den mein Vater für mich bezahlte, einfach behielt. Einmal dachte sie darüber nach, sich beim Jugendamt zu beschweren, doch dann sagte sie zu mir: "Ich kann doch nicht meine eigene Tochter anzeigen!" Aber sie rief ihre Tochter an und drohte mit dem Jugendamt. Kurz darauf kam Frau Inge S. mit ihrem neuen Auto nach Kronberg, klingelte bei Frau Sophie S., weil die Briefkästen damals noch im Haus waren, und warf einen Briefumschlag mit dem Unterhalt für einen Monat in den Briefkasten. Dann fuhr sie wieder davon, und im nächsten Monat bekam Frau Sophie S. wieder kein Geld.

Heute

Heute bin ich immer noch genauso einsam und verzweifelt wie in meiner Kindheit, und ich habe immer noch so viel Angst wie damals, obwohl ich jetzt nicht mehr verprügelt und rausgeschmissen werde. Ich habe ständig das Gefühl, dass mir im nächsten Augenblick etwas Schreckliches passieren könnte. Deshalb kann ich manchmal tagelang nicht meine Wohnung verlassen. Ich habe auch große Angst vor anderen Menschen und bin immer froh, wenn ich allein in meiner Wohnung sein kann. Wenn ich mit anderen Menschen zusammen bin, fühle ich mich total einsam und sehr unwohl. Mir sind alle Menschen fremd, und ich kann niemandem wirklich vertrauen.